Tinder Texte

“1,67 statt 1,80
Sommer statt Winter
Auto statt Öffentliche
Nike Air statt High Heels
Freunde statt Bekanntschaften
HansImGlück statt BurgerKing
Training statt Party
TKKG statt ???
Medium statt Durch
Fit statt Skinny
Pasta statt Reis
Mann statt Sunny-Boy
Picknick statt Restaurant
3-Tage-Bart statt Rasur
Tanzen statt Stehen
Kaffee statt Tee
Serien statt Filme
Und jetzt kommst du…”

Und früher machte ich mich über Menschen lustig, die mit einer Checkliste zum Speeddating gingen.

Happy Birthday, Mr. Hugh M. Hefner!

Happy Birthday, Mr.Hugh M. Hefner!
Zum Ehrentag des Chefs müssen wir mal ein paar Sachen klarstellen. Die meisten kennen nur seine Auftritte mit sehr blonden, sehr jungen Frauen – zugegeben, darüber lässt sich streiten. Was jedoch von konservativen Kreisen und blind bellenden Aktivistinnen gern unter den Teppich gekehrt wird: Hefner kämpfte für die Rechte schwarzer Künstler und Homosexueller. Er legte sich offen mit jeder US-Regierung an, die versuchte, unliebsame Themen, wie den in den 60ern aufkeimenden Feminsimus, zu unterdrücken. Er demonstrierte gegen den Vietnam-Krieg … und rettete den HOLLYWOOD-Schriftzug vor dem Abriss.
Also, … sehen wir uns gleich alle in der Grotte!

Patzen

„Wie war´s gestern noch mit deinem Date?“, fragt mich Armin und beißt in sein Lahmacun.
Ich huste.
„Naja, mal abgesehen davon, dass ich nach dreißig Sekunden ihre Sofakissen vollgejizzt habe und anschließend eingeschlafen bin – war´s ganz okay“
Armin hört auf zu kauen und starrt mich an.
„Du hast… was?“
Männer würden sich lieber die Zunge abbeißen, als über sexuelle Ausfälle zu sprechen. Anscheinend hat niemand ein Problem mit Leistungsdruck, mit Nervosität, oder schlechter Tagesform. Und dadurch, dass jeder leugnet, schon mal darunter gelitten zu haben, wird der Druck für die Männer noch gesteigert. Dabei ist das Heilmittel für die meisten Schwierigleiten so einfach: Man lacht drüber und versucht es noch mal… und verkneift sich vielleicht beim nächsten Mal, mit einem schweren drogeninduzierten Kater im Bett einer Frau zu landen.
Armin ist schwer verwirrt.
„Und seht ihr euch wieder?“
„Natürlich sehen wir uns wieder! Ich hab schließlich was gutzumachen. Du kannst beim Fußball doch auch nicht sagen, ich drücke mich vor der Rückrunde, weil ich das Hinspiel verloren hab. Die Mädels beziehen das eh immer auf sich, wenn du patzt. Mit den Gedanken kann ich sie nicht sitzen lassen“
Armin nickt, scheint aber nicht überzeugt. Ich rede einfach gegen das Schweigen an.
„Was bleibt einem anderes übrig: Wenn man aus dem Sattel geworfen wird, muss man wieder aufsteigen… oder knallt sich alternativ mit Tramadol und Viagra voll. Dann hält sich der Spaß aber auch in Grenzen und du bekommst einen koitalen Herzkasper. Wir sind ja nicht bei den Olympischen Spielen“
Armin schweigt. Und beißt sich auf die Zunge.

Darum bezahle ich nicht für Sex

Was Sex betrifft, habe ich leicht reden. Denn ich bin ungebunden, neugierig und – was den Beziehungsstatus meiner Bettbekanntschaften angeht – moralisch sehr flexibel (das heißt, dass ich auch mit verheirateten und anderen emotional unterversorgten Frauen schlafe). Nicht nur deswegen sind Puffs für mich so überflüssig wie ein Pimmel am Papst.
Ich bin Jäger und Sammler, kein Konsument. Für etwas die Kreditkarte zu zücken, das ich mir auf anderem Weg verdienen kann, widerspricht nicht nur meiner hanseatischen Knausrigkeit – es befriedigt mich nicht. Weil Sex Bestätigung ist. Und Flirten die Vorstufe von Sex. Eine Frau anzusprechen, zu erkennen, was sie will, und sie dann davon zu überzeugen, dass sie mich will – das ist das Spiel. Es macht nur Spaß, wenn man es verlieren kann. Wer kauft sich den DFB-Pokal und stellt ihn sich ins Regal?
Der Nervenkitzel fehlt. Im Puff bekomme ich die Frau, die ich bestellt habe. Im Club bekomme ich die Rechtsanwältin, die Monotonie mit Moral verwechselt, mir jedoch nach zwei Weinschorlen den Rücken zerkratzt. Das kann man nicht vom Blatt spielen. In einer Geschäftsfrau das Freudenmädchen zu wecken fordert mich heraus. Im Freudenmädchen die Geschäftsfrau, nicht.

Aus: Playboy Ausgabe 02/2015, Rotlicht-Dossier

Enthaltsam im Berghain

“In anderen Clubs bist du ein Tiger auf der Jagd – im Berghain bist du ein Zirkuspony auf der Gnadenkoppel”

Es gibt deutsche Städte. Und es gibt Berlin. Es gibt Clubs. Und es gibt das Berghain. Kein anderer Techno-Laden schaffte es so oft auf die Seiten internationaler Feuilletons, keiner wurde so ein literarischer Ort voller Dark-room- und Drogengeschichten: Das alte Berliner Elektrizitätswerk ist Projektionsfläche für die Phantasien von Pop-Autoren wie Partygängern rund um den Globus. Dieses Jahr hat der Sündenfuhl Jubiläum. Ein guter Anlass, herauszufinden, was wirklich dort passiert. Zur Feierprobe:

Das Viehgatter vor dem Eingang muss noch keine Massen bändigen. Ich bin viel zu früh dran. Aber das ist egal. Mir ist sowieso alles egal. Jedenfalls bemühe ich mich, diesen Eindruck zu vermitteln, um durch die härteste Tür der Republik zu kommen. Auf Anraten erprobter Berlin-Veteranen habe ich mich unschön gemacht. Altkleiderkiste. Methadon-Chic. Zerstrubbelte Haare, zerschlissene Hose, zerrissenes Shirt, zerknüllte Zehn-Euro-Scheine in den Taschen. Keine Uhr. Null Schmuck. Dafür habe ich mich schöngetrunken und schlurfe jetzt über den Schotter. Im Zombietempo, angepasst an die anderen Gestalten. Emotionlos und wie  zufällig nachts ins Friedrichshainer Brachland zwischen Gewerbegebiet und Technostrich geraten.
In Sichtweite der Türsteher frage ich einen abgemagerten Druffie, wann es voll wird. Der Kerl nimmt nicht mal die Sonnenbrille ab und keucht verächtlich „neu, wa?“. Dann geht er weiter. Drei große Engländerinnen in kleinen Kleidchen warten als einzige auf Einlass – jetzt bloß keine Anmachsprüche! Hinten anstellen. Die erste Regel im Berghain ist: Umgekehrte Psychologie führt zum Erfolg. Einer der Türsteher gibt mir recht: „Nee, Mädels. Try it somewhere else.“ Dann taxiert er mich. Nicht mal das Arbeitsamt würde mich in diesem Zustand reinlassen. Aber er tritt wortlos zur Seite und macht mir den Weg frei. Ich ziehe ein.

Die Tanzfläche: eine Galerie, die in einem zehn, fünfzehn Meter hohem Raum schwebt. Kaum Lichteffekte. Kirchenfenster. Weniger Club, mehr Kathedrale. Verstärkt wird der feierliche Eindruck durch den Dresscode der Pilger. Die meisten tragen Schwarz. Die Berghain-Erstlinge stechen heraus: Touristen aus aller Herren Länder, die sich in Berlin neu eingekleidet haben und in ihren Vintage-Klamotten sauber herausgeputzt wirken. Sie stolpern genauso planlos wie ich herum, schnorren mich an. Auf Spanisch, Schwedisch, Italienisch und Englisch. Um Feuer, Tabak, Amphetamine.
„Bist du Deutscher?“, fragt mich ein Mädchen im Kapuzenpulli. Sie schwitzt und nestelt am Verschluss ihrer Mate-Flasche herum.
„Ja, und du?“
„Geil! Hier, halt mal!“, antwortet sie, drückt mir die Flasche in die Hand, wendet sich ab und steigt die Treppe runter.
Die Mate-Wodka-Mischung schmeckt nach DDR. Als hätte man dünnen Tee zu oft aufgegossen. Ein bisschen bitter im Abgang. Ich nippe noch einmal. Sehr bitter. Bald muss ich es aufgeben, mir Details zu merken, die ich später aufschreiben könnte. Beschreibung der Stimmung? Verschiebe ich auf später. Zweite Regel fürs Berghain: Keine Geschenke von Fremden annehmen.

Martin und Lisa lungern ineinander verknotet vor den Toiletten auf einem Sofa herum. Ich frage sie nach der Uhrzeit. Mein Telefon habe ich zuhause vergessen. Guter Schachzug.
„Wenn du ´ne Kamera im Telefon hast, schicken dich die Türsteher nachhause, oder nehmen‘s dir ab. Oder du versteckst es draußen im Gebüsch. Machen viele“, erläutert Martin, während Lisa versonnen das Loch in ihrer Strumpfhose größer pult.
„An einem Abend habe ich mal beim Rausgehen 15 Telefone eingesammelt. Ist wie Pilzesuchen“
Ich lache halb über Martins Geschichte und halb vor Freude darüber, dass sich jemand mit mir unterhält. Alle hier sind mit sich selbst beschäftigt. In sich gekehrt. Techno-Eremiten.
„Also…“, beginnt Martin und tauscht einen verschwörerischen Blick mit seiner Freundin, „wir würden jetzt mal ne Nase Keta auf‘m Klo nehmen. Kommst du mit? Wir haben auch noch ein bisschen Tilidin, MXE und Marschpulver“
MKet? Ich lehne dankend ab.
„Manche machen Urlaub auf Kreta. Wir machen Urlaub auf Keta“, sagt Martin und schlägt mir auf die Schulter. Dritte Regel: Vor dem Club-Besuch ein Buch über Pharmakologie lesen.

Die Musik ist düsteres Pochen. Keine Veränderungen, stundenlang. Man muss nicht Einstein sein, um zu verstehen: Zeit ist relativ. Allein durch die wechselnden Gesichter im Halbdunkel bemerke ich, dass sie vergeht.  Eine Hälfte der Tanzfläche wird nun von einem Pulk aus trainierten Typen mit Bärten eingenommen. Sie streifen umeinander wie Raubtiere. Über der nackten Brust tragen sie gekreuzte Lederriemen.   Meine Idee, mal im Darkroom vorbeizuschauen, verflüchtigt sich – schon hier draußen ist mir der Testosterondunst zu stark. Stattdessen bewege ich mich in die Panoramabar ins obere Stockwerk. Tageslicht. Ich pralle zurück. Eine dürre Mittdreißigerin in Gummistiefeln und Wickelkleid rempelt mich an und bittet überschwänglich um Entschuldigung: „Ey, sorry, echt! Bin gerad voll im Stress. Muss zurück zu meinem Sohn. Hatte den Babysitter nur für gestern Nacht bezahlt…“ Ich nicke verständig – und bin froh, dass sie nicht meine Mutter ist.
Die Panoramabar ist die Light-Version des Berghain: melodischerer Sound, weiblicheres Publikum. Wobei es auch hier nicht möglich ist, Frauen anzusprechen, ohne verächtliche Blicke zu kassieren. In anderen Clubs bin ich ein Tiger auf der Jagd. Im Berghain bin ich ein Zirkus-Pony auf der Gnadenkoppel. Erstens besuchen Frauen das Berghain, um in Ruhe gelassen zu werden.  Feiern, allein um des Feierns Willen. Ihre Outfits und Mienen senden eine eindeutige Botschaft: Kein Interesse. Zweitens habe ich kein Interesse mehr zu sprechen, geschweige denn herumzuknutschen, oder mit einer Dame das Sofa oder die Toilettenkabine zu teilen. Träge Zunge. Tote Hose. Zum Tanzen reicht es noch. Der Druck, großartige Bettgeschichten aus dem Wochenende mitzubringen, ist weg. Aus der Not mache ich eine Tugend. Diese Party ist völlig sinnentleert. Und deswegen so wunderbar. Wieso machen wir das? Stundenlang wie Zombies in dunklen Räumen umherirren? Für den Anti-Karneval, das Gegen-Oktoberfest. Nicht einmal im Jahr, sondern jede Woche rottet man sich für den Exzess zusammen. Niemand will etwas, jeder tanzt für sich. Kein Smalltalk, kein Flirten, keine Anmachen. Wer sich verliebt, verliebt sich ins sich selbst. Liebe ist eine drogeninduzierte Psychose, die mit der Wirkung des MDMA wieder verschwindet. Ich fühle mich wohl. Vierte Regel für einen Berghain-Besuch: Erwarte nichts.

Endlich ist das Bad mal frei, endlich kann ich mir die Zähne putzen. Tja, die Tücken des WG-Lebens. Meine Hände zittern etwas, als ich die Creme aus der Tube auf die Zahnbürste drücken will. Unterzuckertes Zittern. Ich beginne, meine schmerzenden Kiefer vor dem Spiegel zu schrubben. Der gibt den Blick auf zwei wild herumknutschende Muskeltypen frei. Beide tragen schwere Stiefel und Lederhosen. Weniger Petting, mehr Nahkampf. Als sie meinen Blick bemerken, nickt mir einer von ihnen zu.
„Hey! Hast du Lust zu ficken?“, fragt er meinen Hinterkopf. Witz oder Ernst? Ich spucke den Schaum aus und drehe mich zu dem Pumper-Pärchen um. „Danke, bin wunschlos glücklich“, antworte ich höflich.
„Sicher? Kannst auch nur zugucken, wenn du willst“
„Danke. Ich bin vom anderen Ufer. Aber euch viel Spaß“, gebe ich zurück, lüfte einen imaginären Hut und stecke die Zahnbürste in die Hosentasche. Ein ganz normaler Vormittag in meiner Teilzeit-WG Berghain. Eigentlich ein angenehmer Wohnort. Er lehrt dich: Toleranz ist gut. Gleichgültigkeit ist besser.

Draußen dämmert es. Vor dem Eingang wächst die Schlange der Wartenden weiter. Schichtwechsel. Mehr Feiervolk, das zu den Toiletten strömt, um sich hoch zu putschen oder runter zu kiffen, weil es morgen arbeiten oder den Ryanair-Flug zurück nach Barcelona erwischen muss. Meine Knie wollen nachhause. Mein Kopf widerspricht. Man könnte ja was verpassen. Fünfte Regel für einen Berghain-Besuch: Zieh dir bequeme Schuhe an.

Früher trugen die Steinbänke im Foyer tonnenschwere Turbinen. Jetzt tragen sie Milena und mich. Milena kommt aus Ungarn. Mehr weiß ich nicht. Sie war zu mir herübergetorkelt, hatte sich kurz vorgestellt und sitzt nun neben mir. Ihre kurz geschnittenen dunklen Locken ruhen auf meiner Schulter. Ich starre ins Leere und beobachte die Lichtblitze, die mein Hirn in meine Augen feuert. Milena atmet gleichmäßig. Schade, dass wir uns erst jetzt getroffen haben, an unser beider Tiefpunkt. Plötzlich tasten ihre Finger nach meinen. Auf halber Strecke geben sie auf. Milena verfällt wieder in den Stand-By-Modus. Obwohl wir aussehen wie ein Penner-Pärchen, genießen wir die Ruhe. Sechste Regel im Berghain: Niemals vergessen, nachhause zu gehen.

Sven Marquardt, gesichtstätowiertes Berghain-Aushängeschild, gibt sich am Eingang die Ehre. Demütig blicken die vordersten Glieder der Wareschlange zu Boden, wenn er sie taxiert. Ich bin völlig ausgelaugt – er würde mich wahrscheinlich mit Kusshand empfangen. Doch meine Beine bewegen sich nach draußen. Gruppen orientierungsloser Zombies schlurfen mir entgegen, hinter mir läuft die Feier-Maschine weiter. Plötzlich löst sich einer der Untoten aus der Herde. Er trägt Sonnenbrille, seine Kiefer mahlen unkontrolliert. Er wimmert: „Ey, ist es gut drinnen?“ – Ich keuche verächtlich „neu, hier?“ und stolpere in Richtung Haltestelle.

 

7 Tage, 7 Frauen – Director´s Cut

Es ging mir niemals darum, mit möglichst vielen Frauen zu schlafen. Eher das Gegenteil war der Fall: Mit diesem Experiment versuchte ich, mich selbst aus dem Sumpf zu ziehen, in den ich mich hineinmanövriert hatte. Mittels eines gesetzten Rahmens: Jeden Tag eine Frau treffen, statt immer wieder wahllos Chaos zu erzeugen. Kein anschließender Whatsapp-Terror, keine ernsten Gespräche.

Sonntag, Elise

Elise weht herein und fängt sofort meinen Blick. Noch bevor sie sich dicht neben mich auf das Sofa fallen lässt, lacht sie:
Ich gebe ein desolates Bild ab. Auf den Unterarmen trage ich mehr Club-Stempel als ein Fußballer Tattoos. Elise hingegen lächelt frisch in meine dunkel umrandeten Augen.
Ich muss sie nicht beschreiben. Sie sieht eben aus, wie eine durchschnittliche 1,76m große , blonde Schwedin auf Berlin-Urlaub aussieht: trainiert, gebräunte Beine, enge Hotpants. Ein weites Tanktop, das durch seine Armlöcher den Blick auf ihren schwarzen BH freigibt. Sie hat Bikini-Abdrücke. Spoiler.
„Wie lange warst du gestern noch da?“, frage ich sie, während sie die Sonnenbrille in ihrer Ledertasche verstaut.
„Oh, nicht mehr lang. Musste ja die anderen nachhause bringen. Schade, wir hätten sicher noch Spaß gehabt“
Sie legt ihre Hand auf meinem Knie ab, lehnt sich weit über mich und angelt die Karte vom Tisch. Ihre grünen Augen studieren nur die erste Seite.
„Wann musst du eigentlich zurück?“, frage ich irritiert – ihre Hand ruht weiterhin auf meinem Oberschenkel.
„Heute Nacht“, antwortet sie trocken. Kann es so einfach sein?
„Hmmm, ich glaube…“, sie hebt den Kopf. „Ich finde hier nichts. Hast du Weißwein zuhause?“. Ja, es kann so einfach sein.
Wir schreien zweistimmig Vokale in meinen Hinterhof. Erst vom Esstisch, dann vom Bett aus. Nur manchmal wechselt Elise ins Englische, um mir Instruktionen zu geben. Ab und zu trinken wir gekühlten Wein gegen die drückende Hitze an.
Die Badtür kracht. Wenig später die Haustür.
Kein Gespräch. Kein Frühstück. Keine Facebookanfragen.  Keine Verpflichtungen. Nur ein Abschiedskuss. Ich war noch nie so froh, als Ferienfick benutzt worden zu sein.
Ich schaue auf meinen Kalender. Das war Elise. Bleiben noch sechs: Sieben Tage. Sieben Frauen. Eine Zeit, eine Bar. Und mein Notizblock.

Montag, Maren

„Ich mache das eigentlich nicht – nicht beim ersten Date“
Maren windet sich auf meinem Sofa und haucht moralische Bedenken in die Luft, während ich ihren Bauchnabel küsse, ihren Hosenknopf öffne und mit der anderen Hand versuche, meine Schuhbänder zu lösen. Schlechte Arbeitsteilung.
„Das geht eigentlich echt nicht“, flüstert sie, krallt sich in mein Haar und presst meine Lippen fester in ihren Schoß.
Maren hat Vorkehrungen getroffen, um sich selbst zu disziplinieren und nicht in meiner Wohnung zu landen:
„Ich hab mir die Beine nicht rasiert“
„Ich auch nicht“
Eigentlich nicht ist meine Beschwörungsformel. Der Riss in der Mauer. Die charmanteste Art, einem Mann das Gefühl zu geben, er würde eine Frau erobern.
„Kannst du mich nachhause fahren?“, fragt sie später. Sie versteckt ihren schlanken Körper unter der Decke, obwohl es dunkel ist und selbst nachts 30 Grad herrschen.
„Das mache ich eigentlich nicht. Nicht beim ersten Date“, gebe ich knapp zurück.
Ein Blitzer auf der Frankfurter Allee schießt uns ein Erinnerungsfoto.
Ich schlafe drei Stunden zu weit in den nächsten Tag hinein und verpasse ein Meeting. Den Rest des Tages nüchtere ich vor meinem Bildschirm aus.

Dienstag, Anja

Die Barkeeperin des „Primitiv“ nickt uns belustigt zu – sie hat mich, ihren besten Stammgast erkannt. Vielleicht aber auch Anja, die Frau, die sich neben mir hypnotisch langsam die vollen Haare hinter die Segelohren streicht. Jeder kennt Anja. Auch Sie. Anja ist der Grund, weshalb sich Ihre Frau in eine bestimmte Strumpfhose zwängt, einen Joghurt „vitalisierend“ findet, oder den einen Bausparvertraganbieter vertrauenswürdiger als den anderen. Anjas Werbelächeln hat ihnen das eingeflüstert. Sie ist kein Model. Sie ist ein People-Model. Das ist ein Unterschied von mindestens sechs BMI-Punkten, zwei Entzugskuren und mehreren Tausend Euro Tagesgage. Genug davon.
Unser Gespräch verläuft schleppend, was bedeutet, dass ich mir den Mund trocken rede und mit Whiskey wässern muss.
Anjas braune Augen schweifen verträumt durch den Raum. Meine fallen fast zu.
„Wie war´s in New York?“
„Richtig schön. Aber ich musste ewig auf das Gepäck warten“
„Wie war´s in Kapstadt?“
„Total schön. Aber die Zimmer waren ziemlich dreckig“
Ich habe ein professionelles Model angegraben und hatte Erfolg dabei. Selber schuld.

Mittwoch, Fiona

Fiona ist der schlimmste Kater, den ich je hatte. Der einzige Unterschied zwischen ihr und einem Pittbull ist das Lipgloss.
„Also, der Wein: widerlich! Und was hast du dir da eigentlich angezogen?“
Der einzige Unterschied zwischen mir und einem Penner ist die Uhr an meinem Handgelenk. Ich ziehe mich in meinen Schützengraben des Schweigens zurück und lasse ihre Salven über mich hinwegfegen. Wieso geht sie nicht einfach? Vielleicht ist dieses überzüchtete Töchterchen meine Nemesis. Die göttliche Rache, die mich irgendwann für meinen Irrsinn treffen musste.
„Komm, wir gehen jetzt ins Felix“, bellt Fiona.
Durch ihre patzige Ansage aufgeschreckt, lache ich.
„Na, los, wir nehmen uns ein Taxi“, diktiert sie.
Der Wagen biegt an der Straßenecke ab. Ich schaue hinterher und spüre, was Luxus bedeutet: Niemandem hinterher trotten zu müssen, weil man sich Sex erhofft.
Ein Gutes hatte Fionas Auftritt: Ich habe meine Angst vor dem Tod verloren.

 

Der Spiegel wird jeden Morgen kritischer und fächert detailreich die äußeren Symptome von Vitaminmangel, Schlafentzug und Dehydration vor mir auf. Das einzige Spermium, das meinen Lenden geblieben ist, fürchtet sich sicherlich dort unten, ganz allein.
Alexa merkt nichts davon. Sie stellt fasziniert Nachfragen zu meinem Job. Ich zu ihrer Ausbildung als Goldschmiedin. Wir lachen über morbide Witze. Doch ich werde unaufmerksam und deute ihre lebhaften Erzählungen als reifes, selbstbewusstes Auftreten. In Wirklichkeit ist sie einfach jung und unerfahren. Wie jung sie wirklich ist, fällt mir erst auf, als ich die Playlist höre, die sie neben meinem Bett laufen lässt: ein Amalgam aus schnulzigen Bravo Hits-Balladen und R&B. Sie will alles ausprobieren und ist dabei fürchterlich unsicher.
Das erste Mal bereue ich eine Nacht mit einer Frau. Ich krubelte den alten kreislauf an: Guter Junge trifft abgebrühtes Mädchen, wird zum abgebrühten Jungen, der wiederum gute zu abgebrühten Mädchen macht.

Donnerstag, Alexa

Miriam ist Borderlinerin par excellence. Ich lerne sie nicht kennen, ich diagnostiziere sie. Gelbliche Haut. Dünnes Haar. Ausgezehrter Körper. Säuerliche Mundfäule: Anorexie. Zudem:  Manipulativer, (unangenehm) distanzloser, theatralischer, Charakter, ein wandelnder Cinderalla-Komplex. Eigentlich genau mein Typ. Zumindest im Dämmerlicht eines Clubs.
Miriam braucht kein One-Night-Stand, sondern eine Therapie. Beschädigte Ware. Genau wie ich. Ich bin auf die Metaebene geklettert und habe die Leiter umgestoßen. Jeder Abend ist die Kopie, einer Kopie, einer Kopie. Und ich werde mit jedem Mal blasser.
Ein Fall für den Papierkorb. Oder das Tierheim.
Wir verabschieden uns mit einem langen Kuss und sie scheint enttäuscht, dass ich nicht mehr mit zu ihr komme. „Wenn du einen Freund brauchst, kauf dir ´nen Hund“, denke ich und will mir eine Ohrfeige geben.

Freitag, Miriam

„Na, wartest du wieder auf jemandem?“
Marcela, die Barkeeperin meines Vertrauens stellt mir einen Maker´s Mark vor die Nase. Weil mich Lisa versetzt hat – zumindest ist sie bis jetzt nicht aufgetaucht. Statt auf dem alten Sperrmüllsofa in der Ecke sitze ich an der Bar.
Marcela, Ende dreißig, Kroatin, bis zur Hutkrempe volltätowiert, hat noch nicht viel zu tun und kann mir beistehen. Alle sind auf einem Festival. Wahrscheinlich auch Lisa.
„Sag mal, was schleppst du hier eigentlich immer für Frauen an?“
„Ich schleppe hier Frauen ab. Ist so ein Experiment“
„Bist du so was wie ein Pick-Up-Artist?“
„Nein. Ich bin so was wie ein Break-Up-Artist.“
Marcela lacht.
„Kannst du auch noch was anderes, außer Sprüche klopfen?“
„Nein. Ich mache das hauptberuflich“
„Und, was ist bei deinem Experiment herausgekommen?“
Ich muss kurz über die Antwort nachdenken.
„Außer psychische und physische Narben? Dass ich Langeweile lieber habe, als Stress. Und Stress lieber habe als eine Beziehung“
Marcela winkt ab.
„Erzähl keinen Mist. Wenn du es am wenigsten erwartest, verknallst du dich. Du warst schon mal verliebt, oder?“
„Ja. Ein Mal“, erwidere ich.
„Und wie viele Frauen hattest du im Bett?“
„Hm. Müsste noch zweistellig sein“
Ich lache bitter und weiß nicht, welche meiner beiden Antworten die tragischere ist. Wie soll das weitergehen? Selbst Hugh Hefner hat irgendwann geheiratet. Der Frauenheld, ein gekränkter Romantiker. Ich habe Sodbrennen.

Sonnabend, Lisa/ Marcela

Mal wieder streune ich in der Wilden Renate umher. Ein geist, der die Plätze heimsucht, an denen er früher einmal Spaß hatte. Ich gehe jedem aus dem Weg. Besonders Frauen, um gar nicht erst getriggert zu werden und den Automatismus des Ansprechens, Einschmeichelns, Herummachens loszutreten.
Ich tauche mal auf der einen, mal auf der anderen Tanzfläche auf. Hauptsache, die Musik ist lauter, als die Stimmen in meinem Kopf. Die Sonne steht schon senkrecht über dem Club, als ich mich müde gestromert habe.
Beim Hinausgehen remple ich versehentlich jemanden an.
„Sorry“, sage ich, blicke auf – und bin mit einem Schlag nüchtern.
Mir strahlt ein markantes Gesicht entgegen, das von blonden Locken gerahmt wird. Sie lacht natürlich. Sie ist groß. Sie hat einen Akzent, der mich dahin schmelzen lässt. Kann es so einfach sein?
Ja, kann es.
Ich lerne Katarina kennen.

Sonntag, Katarina

Wir gehen an der Spree spazieren, bis wir beide nüchtern sind. Erbarmungslos verdampft die Sonne unseren Rausch. Doch die eindringlichen Blicke bleiben. Im Schatten der Oberbaumbrücke bleiben wir stehen. Druffies torkeln uns vorüber, von Kreuzbreg nach Friedrichshain, vom Watergate zum Berghain, um sich in Horden über die übriggebliebenen Reste von Touristinnen herzumachen. Katarina und ich küssen uns. Ein 3er BMW hält an der Ampel neben uns: Kanackenrap und Gegröle sind unser Soundtrack, als wir uns zum ersten Mal küssen.
„Ja, altah! Mach die Olle klar!“, schallt der kahl rasierte Beifahrer.
„What did he say?“, flüstert Katarina lächelnd.
„He said, that we´re a good couple“
Wir liegen auf meinem Bett. Sie schläft in meinem Arm ein. Wir behalten selbst unsere Schuhe an.
Bevor sie fährt, erkundigt sie sich, ob sie in meinem Text auftaucht. Ich schüttele den Kopf. Überlege noch einmal und antworte, dass es wohl sein muss. So eine Pointe kann sich niemand ausdenken. Außer Rosamunde Pilcher, vielleicht.
Mein Telefon klingelt.
Miriams Name erscheint auf dem Display. Ich drücke sie weg. Und blockiere ihre Nummer.

7 Tage, 7 Frauen – Director´s Cut

In der Ausgabe 10/2014 des deutschen Playboys habe ich über meine Selbstthreapie geschrieben. Ich versuchte, mein Privatleben  und die ausufrenden, peinlichen Social Media-Flirts unter Kontrolle zu bringen, indem ich mir ein Limit setzte: ein Date für jeden Tag. Wie es das Magazin-Format vorschrebt, wurde mein Text auf den Seiten eingedampft, gekürzt und umgeschrieben. An dieset Stelle nutze ich die Gelegenheit und werde meine eigenen Änderungen herausbringen. Sozusagen im Director´s Cut. Jeden tag einen Schnipsel.

7 Tage. 7 Frauen. (Playboy Deutschland Ausgabe 10/2014)

Mein Textchef lachte, als er den ersten Entwurf meines Artikels las.
“Verlieben als Selbstschutzreaktion des Körpers – das ist die playboyeskeste These, die ich jemals gehört habe!”
Dabei war es keine Übertreibung und nicht konstruiert: Der Selbstversuch, jeden Tag eine Frau zu treffen und nur einen Abend lang – und den darauffolgenden Morgen – mit ihr Kontakt zu haben, machte mich krank. Im wahrsten Sinne des Wortes. Ich wollte mir dahin mäandernde Whatsapp-Dialoge sparen und den Frauen die Enttäuschung. Ich wollte klarkommen, doch wurde stumpf. Ich war Drüber. Und landete schließlih in Ks Armen.
“Aber, du bist schon etwas hart zu den Damen, oder?”, fragte mich mein Chef.
“Genauso hart, wie ich zu mir selbst bin.”
Meinen gesamten Text gibt es in der Ausgabe 10/2014.

Drüber

Die meisten Männer denken, es sei großartig, in einen Club zu gehen und sich aussuchen zu können, mit wem man ihn verlässt. Für mich ist gerade wichtiger, in Ruhe gelassen zu werden und zu entscheiden, mit wem ich mich unterhalte und mit wem nicht. Meine Leisten schmerzen, genau wie mein Gewissen. Die letzte Woche verbrachte ich damit, für einen Selbsttest zu recherchieren. 7 Tage, 7 Frauen und eine festgelegte Date-Location. Körperlich und geistig brannte mich dieser Irrsinn völlig aus. In meinem Magen und meinem Kopf krochen Gedankenraupen übereinander – fellige kleine Leiber, die sich gegenseitig hinwegschoben und ziellos in der Dunkelheit umherirrten. Ich bringe es gerade einmal fertig, dazustehen und an meinem Getränk zu nippen. Hohl und arrogant wirkende Männer ziehen Frauen magisch an. Namentlich amerikanische Touristinnen, die meistens in Zweier-Paketen über die Tanzfläche balgen. So dauert es gerade einmal zehn Minuten, bis die ersten Mädels grinsend neben mir stehen und anfangen, Fragen über Berlin zu stellen.
Ja, es ist wirklich eine crazy Party-Kultur, hier.
Ja, total viele Leute aus unterschiedlichen Ländern.
Ja, die Musik ist komisch für euch, weil ihr sonst nur Top 40-Clubs kennt.
No offense, es ist so.
Meine Ja-Straße läuft in den endlosen Horizont. Trotzdem würde ich am liebsten einfach kollabieren und am nächsten Nachmittag mit dem Müll nach draußen gekehrt werden.
Sie fragen, was ich beruflich mache.
Ich sage, dass ich mit Frauen spreche, was sie wiederum wundert.
Sie fragen, ob ich ein Callboy sei.
Ich sage, dass ich für den Playboy arbeite und gerade einen Selbsttest hinter mir habe.
Sie lachen.
Ich sage, ich müsse auf die Toilette und bitte um Verzeihung.
Erst auf dem Weg nachhause bemerke ich, dass ich immer noch mein Glas in der Hand halte.
Der Overkill an Dates entmutigte mich zunächst und ließ mich jede Hoffnung verliern, eine normale Frau zu finden.
Dann geschah etwas, das ich mir in meinem Geschäft nicht erlauben konnte:
Ich rempelte sie an.
Sie wandte sich um. Ich bemerkte, dass mir warm wurde und in meinem Bauch schlüpfte ein Schmetterling aus seinem Kokon.