7 Tage, 7 Frauen – Director´s Cut

Es ging mir niemals darum, mit möglichst vielen Frauen zu schlafen. Eher das Gegenteil war der Fall: Mit diesem Experiment versuchte ich, mich selbst aus dem Sumpf zu ziehen, in den ich mich hineinmanövriert hatte. Mittels eines gesetzten Rahmens: Jeden Tag eine Frau treffen, statt immer wieder wahllos Chaos zu erzeugen. Kein anschließender Whatsapp-Terror, keine ernsten Gespräche.

Sonntag, Elise

Elise weht herein und fängt sofort meinen Blick. Noch bevor sie sich dicht neben mich auf das Sofa fallen lässt, lacht sie:
Ich gebe ein desolates Bild ab. Auf den Unterarmen trage ich mehr Club-Stempel als ein Fußballer Tattoos. Elise hingegen lächelt frisch in meine dunkel umrandeten Augen.
Ich muss sie nicht beschreiben. Sie sieht eben aus, wie eine durchschnittliche 1,76m große , blonde Schwedin auf Berlin-Urlaub aussieht: trainiert, gebräunte Beine, enge Hotpants. Ein weites Tanktop, das durch seine Armlöcher den Blick auf ihren schwarzen BH freigibt. Sie hat Bikini-Abdrücke. Spoiler.
„Wie lange warst du gestern noch da?“, frage ich sie, während sie die Sonnenbrille in ihrer Ledertasche verstaut.
„Oh, nicht mehr lang. Musste ja die anderen nachhause bringen. Schade, wir hätten sicher noch Spaß gehabt“
Sie legt ihre Hand auf meinem Knie ab, lehnt sich weit über mich und angelt die Karte vom Tisch. Ihre grünen Augen studieren nur die erste Seite.
„Wann musst du eigentlich zurück?“, frage ich irritiert – ihre Hand ruht weiterhin auf meinem Oberschenkel.
„Heute Nacht“, antwortet sie trocken. Kann es so einfach sein?
„Hmmm, ich glaube…“, sie hebt den Kopf. „Ich finde hier nichts. Hast du Weißwein zuhause?“. Ja, es kann so einfach sein.
Wir schreien zweistimmig Vokale in meinen Hinterhof. Erst vom Esstisch, dann vom Bett aus. Nur manchmal wechselt Elise ins Englische, um mir Instruktionen zu geben. Ab und zu trinken wir gekühlten Wein gegen die drückende Hitze an.
Die Badtür kracht. Wenig später die Haustür.
Kein Gespräch. Kein Frühstück. Keine Facebookanfragen.  Keine Verpflichtungen. Nur ein Abschiedskuss. Ich war noch nie so froh, als Ferienfick benutzt worden zu sein.
Ich schaue auf meinen Kalender. Das war Elise. Bleiben noch sechs: Sieben Tage. Sieben Frauen. Eine Zeit, eine Bar. Und mein Notizblock.

Montag, Maren

„Ich mache das eigentlich nicht – nicht beim ersten Date“
Maren windet sich auf meinem Sofa und haucht moralische Bedenken in die Luft, während ich ihren Bauchnabel küsse, ihren Hosenknopf öffne und mit der anderen Hand versuche, meine Schuhbänder zu lösen. Schlechte Arbeitsteilung.
„Das geht eigentlich echt nicht“, flüstert sie, krallt sich in mein Haar und presst meine Lippen fester in ihren Schoß.
Maren hat Vorkehrungen getroffen, um sich selbst zu disziplinieren und nicht in meiner Wohnung zu landen:
„Ich hab mir die Beine nicht rasiert“
„Ich auch nicht“
Eigentlich nicht ist meine Beschwörungsformel. Der Riss in der Mauer. Die charmanteste Art, einem Mann das Gefühl zu geben, er würde eine Frau erobern.
„Kannst du mich nachhause fahren?“, fragt sie später. Sie versteckt ihren schlanken Körper unter der Decke, obwohl es dunkel ist und selbst nachts 30 Grad herrschen.
„Das mache ich eigentlich nicht. Nicht beim ersten Date“, gebe ich knapp zurück.
Ein Blitzer auf der Frankfurter Allee schießt uns ein Erinnerungsfoto.
Ich schlafe drei Stunden zu weit in den nächsten Tag hinein und verpasse ein Meeting. Den Rest des Tages nüchtere ich vor meinem Bildschirm aus.

Dienstag, Anja

Die Barkeeperin des „Primitiv“ nickt uns belustigt zu – sie hat mich, ihren besten Stammgast erkannt. Vielleicht aber auch Anja, die Frau, die sich neben mir hypnotisch langsam die vollen Haare hinter die Segelohren streicht. Jeder kennt Anja. Auch Sie. Anja ist der Grund, weshalb sich Ihre Frau in eine bestimmte Strumpfhose zwängt, einen Joghurt „vitalisierend“ findet, oder den einen Bausparvertraganbieter vertrauenswürdiger als den anderen. Anjas Werbelächeln hat ihnen das eingeflüstert. Sie ist kein Model. Sie ist ein People-Model. Das ist ein Unterschied von mindestens sechs BMI-Punkten, zwei Entzugskuren und mehreren Tausend Euro Tagesgage. Genug davon.
Unser Gespräch verläuft schleppend, was bedeutet, dass ich mir den Mund trocken rede und mit Whiskey wässern muss.
Anjas braune Augen schweifen verträumt durch den Raum. Meine fallen fast zu.
„Wie war´s in New York?“
„Richtig schön. Aber ich musste ewig auf das Gepäck warten“
„Wie war´s in Kapstadt?“
„Total schön. Aber die Zimmer waren ziemlich dreckig“
Ich habe ein professionelles Model angegraben und hatte Erfolg dabei. Selber schuld.

Mittwoch, Fiona

Fiona ist der schlimmste Kater, den ich je hatte. Der einzige Unterschied zwischen ihr und einem Pittbull ist das Lipgloss.
„Also, der Wein: widerlich! Und was hast du dir da eigentlich angezogen?“
Der einzige Unterschied zwischen mir und einem Penner ist die Uhr an meinem Handgelenk. Ich ziehe mich in meinen Schützengraben des Schweigens zurück und lasse ihre Salven über mich hinwegfegen. Wieso geht sie nicht einfach? Vielleicht ist dieses überzüchtete Töchterchen meine Nemesis. Die göttliche Rache, die mich irgendwann für meinen Irrsinn treffen musste.
„Komm, wir gehen jetzt ins Felix“, bellt Fiona.
Durch ihre patzige Ansage aufgeschreckt, lache ich.
„Na, los, wir nehmen uns ein Taxi“, diktiert sie.
Der Wagen biegt an der Straßenecke ab. Ich schaue hinterher und spüre, was Luxus bedeutet: Niemandem hinterher trotten zu müssen, weil man sich Sex erhofft.
Ein Gutes hatte Fionas Auftritt: Ich habe meine Angst vor dem Tod verloren.

 

Der Spiegel wird jeden Morgen kritischer und fächert detailreich die äußeren Symptome von Vitaminmangel, Schlafentzug und Dehydration vor mir auf. Das einzige Spermium, das meinen Lenden geblieben ist, fürchtet sich sicherlich dort unten, ganz allein.
Alexa merkt nichts davon. Sie stellt fasziniert Nachfragen zu meinem Job. Ich zu ihrer Ausbildung als Goldschmiedin. Wir lachen über morbide Witze. Doch ich werde unaufmerksam und deute ihre lebhaften Erzählungen als reifes, selbstbewusstes Auftreten. In Wirklichkeit ist sie einfach jung und unerfahren. Wie jung sie wirklich ist, fällt mir erst auf, als ich die Playlist höre, die sie neben meinem Bett laufen lässt: ein Amalgam aus schnulzigen Bravo Hits-Balladen und R&B. Sie will alles ausprobieren und ist dabei fürchterlich unsicher.
Das erste Mal bereue ich eine Nacht mit einer Frau. Ich krubelte den alten kreislauf an: Guter Junge trifft abgebrühtes Mädchen, wird zum abgebrühten Jungen, der wiederum gute zu abgebrühten Mädchen macht.

Donnerstag, Alexa

Miriam ist Borderlinerin par excellence. Ich lerne sie nicht kennen, ich diagnostiziere sie. Gelbliche Haut. Dünnes Haar. Ausgezehrter Körper. Säuerliche Mundfäule: Anorexie. Zudem:  Manipulativer, (unangenehm) distanzloser, theatralischer, Charakter, ein wandelnder Cinderalla-Komplex. Eigentlich genau mein Typ. Zumindest im Dämmerlicht eines Clubs.
Miriam braucht kein One-Night-Stand, sondern eine Therapie. Beschädigte Ware. Genau wie ich. Ich bin auf die Metaebene geklettert und habe die Leiter umgestoßen. Jeder Abend ist die Kopie, einer Kopie, einer Kopie. Und ich werde mit jedem Mal blasser.
Ein Fall für den Papierkorb. Oder das Tierheim.
Wir verabschieden uns mit einem langen Kuss und sie scheint enttäuscht, dass ich nicht mehr mit zu ihr komme. „Wenn du einen Freund brauchst, kauf dir ´nen Hund“, denke ich und will mir eine Ohrfeige geben.

Freitag, Miriam

„Na, wartest du wieder auf jemandem?“
Marcela, die Barkeeperin meines Vertrauens stellt mir einen Maker´s Mark vor die Nase. Weil mich Lisa versetzt hat – zumindest ist sie bis jetzt nicht aufgetaucht. Statt auf dem alten Sperrmüllsofa in der Ecke sitze ich an der Bar.
Marcela, Ende dreißig, Kroatin, bis zur Hutkrempe volltätowiert, hat noch nicht viel zu tun und kann mir beistehen. Alle sind auf einem Festival. Wahrscheinlich auch Lisa.
„Sag mal, was schleppst du hier eigentlich immer für Frauen an?“
„Ich schleppe hier Frauen ab. Ist so ein Experiment“
„Bist du so was wie ein Pick-Up-Artist?“
„Nein. Ich bin so was wie ein Break-Up-Artist.“
Marcela lacht.
„Kannst du auch noch was anderes, außer Sprüche klopfen?“
„Nein. Ich mache das hauptberuflich“
„Und, was ist bei deinem Experiment herausgekommen?“
Ich muss kurz über die Antwort nachdenken.
„Außer psychische und physische Narben? Dass ich Langeweile lieber habe, als Stress. Und Stress lieber habe als eine Beziehung“
Marcela winkt ab.
„Erzähl keinen Mist. Wenn du es am wenigsten erwartest, verknallst du dich. Du warst schon mal verliebt, oder?“
„Ja. Ein Mal“, erwidere ich.
„Und wie viele Frauen hattest du im Bett?“
„Hm. Müsste noch zweistellig sein“
Ich lache bitter und weiß nicht, welche meiner beiden Antworten die tragischere ist. Wie soll das weitergehen? Selbst Hugh Hefner hat irgendwann geheiratet. Der Frauenheld, ein gekränkter Romantiker. Ich habe Sodbrennen.

Sonnabend, Lisa/ Marcela

Mal wieder streune ich in der Wilden Renate umher. Ein geist, der die Plätze heimsucht, an denen er früher einmal Spaß hatte. Ich gehe jedem aus dem Weg. Besonders Frauen, um gar nicht erst getriggert zu werden und den Automatismus des Ansprechens, Einschmeichelns, Herummachens loszutreten.
Ich tauche mal auf der einen, mal auf der anderen Tanzfläche auf. Hauptsache, die Musik ist lauter, als die Stimmen in meinem Kopf. Die Sonne steht schon senkrecht über dem Club, als ich mich müde gestromert habe.
Beim Hinausgehen remple ich versehentlich jemanden an.
„Sorry“, sage ich, blicke auf – und bin mit einem Schlag nüchtern.
Mir strahlt ein markantes Gesicht entgegen, das von blonden Locken gerahmt wird. Sie lacht natürlich. Sie ist groß. Sie hat einen Akzent, der mich dahin schmelzen lässt. Kann es so einfach sein?
Ja, kann es.
Ich lerne Katarina kennen.

Sonntag, Katarina

Wir gehen an der Spree spazieren, bis wir beide nüchtern sind. Erbarmungslos verdampft die Sonne unseren Rausch. Doch die eindringlichen Blicke bleiben. Im Schatten der Oberbaumbrücke bleiben wir stehen. Druffies torkeln uns vorüber, von Kreuzbreg nach Friedrichshain, vom Watergate zum Berghain, um sich in Horden über die übriggebliebenen Reste von Touristinnen herzumachen. Katarina und ich küssen uns. Ein 3er BMW hält an der Ampel neben uns: Kanackenrap und Gegröle sind unser Soundtrack, als wir uns zum ersten Mal küssen.
„Ja, altah! Mach die Olle klar!“, schallt der kahl rasierte Beifahrer.
„What did he say?“, flüstert Katarina lächelnd.
„He said, that we´re a good couple“
Wir liegen auf meinem Bett. Sie schläft in meinem Arm ein. Wir behalten selbst unsere Schuhe an.
Bevor sie fährt, erkundigt sie sich, ob sie in meinem Text auftaucht. Ich schüttele den Kopf. Überlege noch einmal und antworte, dass es wohl sein muss. So eine Pointe kann sich niemand ausdenken. Außer Rosamunde Pilcher, vielleicht.
Mein Telefon klingelt.
Miriams Name erscheint auf dem Display. Ich drücke sie weg. Und blockiere ihre Nummer.

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