Enthaltsam im Berghain

“In anderen Clubs bist du ein Tiger auf der Jagd – im Berghain bist du ein Zirkuspony auf der Gnadenkoppel”

Es gibt deutsche Städte. Und es gibt Berlin. Es gibt Clubs. Und es gibt das Berghain. Kein anderer Techno-Laden schaffte es so oft auf die Seiten internationaler Feuilletons, keiner wurde so ein literarischer Ort voller Dark-room- und Drogengeschichten: Das alte Berliner Elektrizitätswerk ist Projektionsfläche für die Phantasien von Pop-Autoren wie Partygängern rund um den Globus. Dieses Jahr hat der Sündenfuhl Jubiläum. Ein guter Anlass, herauszufinden, was wirklich dort passiert. Zur Feierprobe:

Das Viehgatter vor dem Eingang muss noch keine Massen bändigen. Ich bin viel zu früh dran. Aber das ist egal. Mir ist sowieso alles egal. Jedenfalls bemühe ich mich, diesen Eindruck zu vermitteln, um durch die härteste Tür der Republik zu kommen. Auf Anraten erprobter Berlin-Veteranen habe ich mich unschön gemacht. Altkleiderkiste. Methadon-Chic. Zerstrubbelte Haare, zerschlissene Hose, zerrissenes Shirt, zerknüllte Zehn-Euro-Scheine in den Taschen. Keine Uhr. Null Schmuck. Dafür habe ich mich schöngetrunken und schlurfe jetzt über den Schotter. Im Zombietempo, angepasst an die anderen Gestalten. Emotionlos und wie  zufällig nachts ins Friedrichshainer Brachland zwischen Gewerbegebiet und Technostrich geraten.
In Sichtweite der Türsteher frage ich einen abgemagerten Druffie, wann es voll wird. Der Kerl nimmt nicht mal die Sonnenbrille ab und keucht verächtlich „neu, wa?“. Dann geht er weiter. Drei große Engländerinnen in kleinen Kleidchen warten als einzige auf Einlass – jetzt bloß keine Anmachsprüche! Hinten anstellen. Die erste Regel im Berghain ist: Umgekehrte Psychologie führt zum Erfolg. Einer der Türsteher gibt mir recht: „Nee, Mädels. Try it somewhere else.“ Dann taxiert er mich. Nicht mal das Arbeitsamt würde mich in diesem Zustand reinlassen. Aber er tritt wortlos zur Seite und macht mir den Weg frei. Ich ziehe ein.

Die Tanzfläche: eine Galerie, die in einem zehn, fünfzehn Meter hohem Raum schwebt. Kaum Lichteffekte. Kirchenfenster. Weniger Club, mehr Kathedrale. Verstärkt wird der feierliche Eindruck durch den Dresscode der Pilger. Die meisten tragen Schwarz. Die Berghain-Erstlinge stechen heraus: Touristen aus aller Herren Länder, die sich in Berlin neu eingekleidet haben und in ihren Vintage-Klamotten sauber herausgeputzt wirken. Sie stolpern genauso planlos wie ich herum, schnorren mich an. Auf Spanisch, Schwedisch, Italienisch und Englisch. Um Feuer, Tabak, Amphetamine.
„Bist du Deutscher?“, fragt mich ein Mädchen im Kapuzenpulli. Sie schwitzt und nestelt am Verschluss ihrer Mate-Flasche herum.
„Ja, und du?“
„Geil! Hier, halt mal!“, antwortet sie, drückt mir die Flasche in die Hand, wendet sich ab und steigt die Treppe runter.
Die Mate-Wodka-Mischung schmeckt nach DDR. Als hätte man dünnen Tee zu oft aufgegossen. Ein bisschen bitter im Abgang. Ich nippe noch einmal. Sehr bitter. Bald muss ich es aufgeben, mir Details zu merken, die ich später aufschreiben könnte. Beschreibung der Stimmung? Verschiebe ich auf später. Zweite Regel fürs Berghain: Keine Geschenke von Fremden annehmen.

Martin und Lisa lungern ineinander verknotet vor den Toiletten auf einem Sofa herum. Ich frage sie nach der Uhrzeit. Mein Telefon habe ich zuhause vergessen. Guter Schachzug.
„Wenn du ´ne Kamera im Telefon hast, schicken dich die Türsteher nachhause, oder nehmen‘s dir ab. Oder du versteckst es draußen im Gebüsch. Machen viele“, erläutert Martin, während Lisa versonnen das Loch in ihrer Strumpfhose größer pult.
„An einem Abend habe ich mal beim Rausgehen 15 Telefone eingesammelt. Ist wie Pilzesuchen“
Ich lache halb über Martins Geschichte und halb vor Freude darüber, dass sich jemand mit mir unterhält. Alle hier sind mit sich selbst beschäftigt. In sich gekehrt. Techno-Eremiten.
„Also…“, beginnt Martin und tauscht einen verschwörerischen Blick mit seiner Freundin, „wir würden jetzt mal ne Nase Keta auf‘m Klo nehmen. Kommst du mit? Wir haben auch noch ein bisschen Tilidin, MXE und Marschpulver“
MKet? Ich lehne dankend ab.
„Manche machen Urlaub auf Kreta. Wir machen Urlaub auf Keta“, sagt Martin und schlägt mir auf die Schulter. Dritte Regel: Vor dem Club-Besuch ein Buch über Pharmakologie lesen.

Die Musik ist düsteres Pochen. Keine Veränderungen, stundenlang. Man muss nicht Einstein sein, um zu verstehen: Zeit ist relativ. Allein durch die wechselnden Gesichter im Halbdunkel bemerke ich, dass sie vergeht.  Eine Hälfte der Tanzfläche wird nun von einem Pulk aus trainierten Typen mit Bärten eingenommen. Sie streifen umeinander wie Raubtiere. Über der nackten Brust tragen sie gekreuzte Lederriemen.   Meine Idee, mal im Darkroom vorbeizuschauen, verflüchtigt sich – schon hier draußen ist mir der Testosterondunst zu stark. Stattdessen bewege ich mich in die Panoramabar ins obere Stockwerk. Tageslicht. Ich pralle zurück. Eine dürre Mittdreißigerin in Gummistiefeln und Wickelkleid rempelt mich an und bittet überschwänglich um Entschuldigung: „Ey, sorry, echt! Bin gerad voll im Stress. Muss zurück zu meinem Sohn. Hatte den Babysitter nur für gestern Nacht bezahlt…“ Ich nicke verständig – und bin froh, dass sie nicht meine Mutter ist.
Die Panoramabar ist die Light-Version des Berghain: melodischerer Sound, weiblicheres Publikum. Wobei es auch hier nicht möglich ist, Frauen anzusprechen, ohne verächtliche Blicke zu kassieren. In anderen Clubs bin ich ein Tiger auf der Jagd. Im Berghain bin ich ein Zirkus-Pony auf der Gnadenkoppel. Erstens besuchen Frauen das Berghain, um in Ruhe gelassen zu werden.  Feiern, allein um des Feierns Willen. Ihre Outfits und Mienen senden eine eindeutige Botschaft: Kein Interesse. Zweitens habe ich kein Interesse mehr zu sprechen, geschweige denn herumzuknutschen, oder mit einer Dame das Sofa oder die Toilettenkabine zu teilen. Träge Zunge. Tote Hose. Zum Tanzen reicht es noch. Der Druck, großartige Bettgeschichten aus dem Wochenende mitzubringen, ist weg. Aus der Not mache ich eine Tugend. Diese Party ist völlig sinnentleert. Und deswegen so wunderbar. Wieso machen wir das? Stundenlang wie Zombies in dunklen Räumen umherirren? Für den Anti-Karneval, das Gegen-Oktoberfest. Nicht einmal im Jahr, sondern jede Woche rottet man sich für den Exzess zusammen. Niemand will etwas, jeder tanzt für sich. Kein Smalltalk, kein Flirten, keine Anmachen. Wer sich verliebt, verliebt sich ins sich selbst. Liebe ist eine drogeninduzierte Psychose, die mit der Wirkung des MDMA wieder verschwindet. Ich fühle mich wohl. Vierte Regel für einen Berghain-Besuch: Erwarte nichts.

Endlich ist das Bad mal frei, endlich kann ich mir die Zähne putzen. Tja, die Tücken des WG-Lebens. Meine Hände zittern etwas, als ich die Creme aus der Tube auf die Zahnbürste drücken will. Unterzuckertes Zittern. Ich beginne, meine schmerzenden Kiefer vor dem Spiegel zu schrubben. Der gibt den Blick auf zwei wild herumknutschende Muskeltypen frei. Beide tragen schwere Stiefel und Lederhosen. Weniger Petting, mehr Nahkampf. Als sie meinen Blick bemerken, nickt mir einer von ihnen zu.
„Hey! Hast du Lust zu ficken?“, fragt er meinen Hinterkopf. Witz oder Ernst? Ich spucke den Schaum aus und drehe mich zu dem Pumper-Pärchen um. „Danke, bin wunschlos glücklich“, antworte ich höflich.
„Sicher? Kannst auch nur zugucken, wenn du willst“
„Danke. Ich bin vom anderen Ufer. Aber euch viel Spaß“, gebe ich zurück, lüfte einen imaginären Hut und stecke die Zahnbürste in die Hosentasche. Ein ganz normaler Vormittag in meiner Teilzeit-WG Berghain. Eigentlich ein angenehmer Wohnort. Er lehrt dich: Toleranz ist gut. Gleichgültigkeit ist besser.

Draußen dämmert es. Vor dem Eingang wächst die Schlange der Wartenden weiter. Schichtwechsel. Mehr Feiervolk, das zu den Toiletten strömt, um sich hoch zu putschen oder runter zu kiffen, weil es morgen arbeiten oder den Ryanair-Flug zurück nach Barcelona erwischen muss. Meine Knie wollen nachhause. Mein Kopf widerspricht. Man könnte ja was verpassen. Fünfte Regel für einen Berghain-Besuch: Zieh dir bequeme Schuhe an.

Früher trugen die Steinbänke im Foyer tonnenschwere Turbinen. Jetzt tragen sie Milena und mich. Milena kommt aus Ungarn. Mehr weiß ich nicht. Sie war zu mir herübergetorkelt, hatte sich kurz vorgestellt und sitzt nun neben mir. Ihre kurz geschnittenen dunklen Locken ruhen auf meiner Schulter. Ich starre ins Leere und beobachte die Lichtblitze, die mein Hirn in meine Augen feuert. Milena atmet gleichmäßig. Schade, dass wir uns erst jetzt getroffen haben, an unser beider Tiefpunkt. Plötzlich tasten ihre Finger nach meinen. Auf halber Strecke geben sie auf. Milena verfällt wieder in den Stand-By-Modus. Obwohl wir aussehen wie ein Penner-Pärchen, genießen wir die Ruhe. Sechste Regel im Berghain: Niemals vergessen, nachhause zu gehen.

Sven Marquardt, gesichtstätowiertes Berghain-Aushängeschild, gibt sich am Eingang die Ehre. Demütig blicken die vordersten Glieder der Wareschlange zu Boden, wenn er sie taxiert. Ich bin völlig ausgelaugt – er würde mich wahrscheinlich mit Kusshand empfangen. Doch meine Beine bewegen sich nach draußen. Gruppen orientierungsloser Zombies schlurfen mir entgegen, hinter mir läuft die Feier-Maschine weiter. Plötzlich löst sich einer der Untoten aus der Herde. Er trägt Sonnenbrille, seine Kiefer mahlen unkontrolliert. Er wimmert: „Ey, ist es gut drinnen?“ – Ich keuche verächtlich „neu, hier?“ und stolpere in Richtung Haltestelle.

 

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