Liebesnächte in Moskau – Übersatz III

Moskau - Soho RoomsVon diesem Club träumte Arthur Schnitzler, als er die Traumnovelle schrieb. Auf den Podesten räkeln sich weibliche Luxuskörper. Paillettenbesetzte String-Tangas und schweiß bedeckte Brüste reflektieren die Strahlen der Lasershow. Synapsen-Dauerfeuer. Der ganze Laden ist in den Neunzigern stecken geblieben. Die Tanzfläche ist klein, dafür die VIP-Buchten umso größer. Klare Arbeitsteilung: die Frauen ahmen die Bewegungen der Vortänzerinnen nach, die Männer stehen in Nähe der marmornen Bar und gaffen – genau wie ich. Ich löse mich vom Anblick des Modelauflaufs und wende mich Elena zu, die mich belustigt mustert. Sie lässt meine Hand los.
„Du wirst keine Probleme haben, hier eine Frau für heute Nacht zu finden“, raunt mir Elena zu. Ihre Lippen berühren mein Ohr. Sie löst ihren Griff und streicht über mein Jackett, wie eine Mutter, die ihren Schützling zur Einschulung schickt. Dann lehnt sie sich an die Bar, kramt ihr Handy aus der Clutch und scrollt. Reizüberflutung ist ein Wort, das mir einfällt. Paradies ein anderes. In den Soho Rooms findet jedes Wochenende die größte inoffizielle Modenschau der Welt statt. Hunderte Mädchen pressen sich in den Raum (der Name des Clubs führt etwas in die Irre); sie sehen aus wie Models, werfen laszive Blicke in den Raum wie Models, stolzieren wie Models – der einzige Unterschied ist, dass diese Mädchen um ihre Gage kämpfen.

Aus einem Reigen hoch gewachsener Tänzerinnen löst sich eine, tritt auf mich zu und reißt mich aus meiner Erstarrung:
„Привет! Красивые часы!“, sagt sie und legt ihren Kopf schief. Ihre Haut ist feinporig und blass, ihre dunklen Augen wirken umso tiefer.
Natürlich verstehe ich nichts und buchstabiere dümmlich: „Would-you-like-to-have-a drink-with-me?“
Sie lächelt und switcht in gebrochenes Englisch:
„Nice watch! What is it?“
„Maurice Lacroix“, entgegne ich verstört.
„Oh“, die 1,88 große Raubkatze schürzt enttäuscht die Lippen und tritt den Rückzug an.
Irritierender Einsteig.
„What do you do?“, fragt mich kurz darauf eine durchtrainierte Blondine, die mich neben einem Podest abpasst. Scheinbar steht mir Ausländer auf die Stirn geschrieben – das dezimiert meine Chancen in diesem Club.
„I´m a journalist“
Ihr Gesichtsausdruck verrät mir, dass sie besseres erwartet hätte.
Die Sprachblockade wird mit Whiskey und Jägermeister niedergerissen. Kaum jemand spricht oder versteht flüssiges Englisch, deswegen beschränken wir uns auf visuelle Reize und verstehen uns zunächst prächtig. Bis Fragen kommen, die meine Alarmglocken schrillen lassen:
„Do you want to go on a holiday with me? Maybe to France?“
Ich bin entnervt und mein Rausch endet abrupt, als mir der Barkeeper mit meine Rechnung und meine Kreditkarte zurückreicht. Meine Reiseführerin hat sich die Wartezeit mit Johnny Walker vertrieben. 200 Euro.
„Die flirten mir hier zu ökonomisch“, sage ich. Wir kehren den Soho Rooms den Rücken, ich lege meinen Arm um Elena und wir rufen uns ein Taxi. Was in Russland bedeutet: wir sprechen einen wartenden Typen an, der an einer Hauswand lehnt. Man einigt sich über den Preis, er fährt uns mit seinem klapprigen Honda Civic in die nächste Location. Moskaus Mieten sind hoch. Höher als in New York, höher als in Paris. Doch die breite Masse der Menschen verdient sich mit einem normalen Job höchstens ein Zubrot zur Miete. Jeder sucht sich einen Nebenerwerb. Privattaxi spielen, in Clubs tanzen, sich von Männern begaffen lassen.

Die Tür des Krysha Mira ist noch unerbittlicher als die vorherige. In diesem Club benimmt sich die russische Prominenz aus Show- und Musikbusiness in drogengeschwängerter Atmosphäre daneben. Im unteren Teil des Clubs, der stark an einen Berliner Darkroom erinnert, taste ich mich zur Toilette vor. Dumpf wummert Techno an den kahlen Wänden entlang und Silhouetten schieben sich an mir vorbei. Zielstrebig bahne ich mir den Weg zu den Pissoirs und erahne eine Schlange, in der ich mich anstelle. Unvermittelt packen mich vier Hände an Armen und Hals. Ich werde gegen die Wand geschleudert, ein Schraubstock an meinem Kehlkopf gepresst, meine Arme werden von einer Schraubzwinge fixiert.
„Okay“, krächze ich hervor, „kein Stress, Alter“.
Als hätte ich eine Zauberformel ausgesprochen, lassen die beiden Sicherheitsleute von mir ab und winken andere Türsteher herbei. Nur ihre Gesichter werden von roten Glühbirnen und Taschenlampen beschienen. Über die glattrasierten Köpfe hinweg beobachte ich, wie binnen weniger Augenblicke weitere Lichtkegel auftauchen, Türsteher die Schlange vor den Toiletten auseinanderschubsen, sich den vordersten Mann am Pissoir greifen und ihm mit aller Kraft ins Gesicht schlagen. Das Geräusch eines Steaks, das man mit Wucht auf eine Tischkante klatscht, so hart, dass seine Knie nachgeben und er im Griff eines dunklen Anzugs zusammensackt, bevor er hinausgeschleift wird. Ich bin taumle zum Ausgang und mache den Grund für den kleinen Gewaltausbruch aus: dort, wo sich der Gast erleichterte, befindet sich kein Pissoir.
Ich steige ein paar Treppen empor und trete nach draußen. Elena sitzt gleichmütig auf der Balustrade der Dachterrasse. Die Kälte des Morgens macht ihr nichts aus – sie ist wohl noch betrunkener als ich. Elena lässt ihre baren Füßen im Takt der Musik wippen. Als sie mich bemerkt, streicht sich über den Nacken und es scheint, als führe sie alle Bewegungen in Zeitlupentempo aus. Sie fragt: „Hast du schon eine Gespielin für die Nacht gefunden?“. Auch wenn sich mein Vokabular durch den Alkohol in toxischen Müll verwandelte, fasse mich kurz: ich berühre ihr Haar, küsse sie uns sage: „Bill, Hotel?“

Doch dazu kommt es nicht. Ich drücke meiner schlafenden Reiseführerin auf dem Rücksitz eines Privattaxis einen Abschiedkuss auf die Lippen und dem Fahrer ein Bündel Rubel in die Hand. Bevor Elena an meiner Schulter einschlummerte, murmelte sie noch eine Entschuldigung und versprach mir, sich in der nächsten Nacht, in der Gipsy Bar, nicht ganz so hemmungslos zu betrinken. Ich zucke die Achseln, schaue noch kurz in der ausgestorbenen Hotelbar vorbei und sacke in meinem Zimmer zusammen.

Es ist 12 Uhr mittags, es sind 5 Grad. Trotzdem ist der Smog so dicht, dass er sich auf der Haut als eine klebrige, graue Legierung absetzt. Ich verbringe den Tag damit, ziellos zwischen S-Klassen mit getönten Scheiben, die vor Boutiquen mit getönten Scheiben parken, herumzustreichen. Nachdem ich von einem Türsteher daran gehindert werde, zwei Frauen in eine Boutique zu folgen („Private Shopping-Session, Sir“) setze ich mich fröstelnd an den Roten Platz und schaue Touristen zu, wie sie mit einem Stalin-Double Erinnerungsfotos schießen. Bis Elena anruft. Ihre tiefe Stimme gurrt heiser. Mir wird warm.

GipsyDas Gipsy kocht. Ohne Frage ist Elenas Stammladen der beste für Normalsterbliche wie mich. Selbstverständlich thronen auch hier Oligarchensöhne an sündhaft teuren reservierten Tischen, rauchen Wasserpfeife und werfen das Geld ihrer Eltern aus dem Fenster. Um sie scharen sich Frauen, die ihre Körper als Kescher benutzen, um das Geld einzufangen. Das übrige Publikum ist bunt zusammengewürfelt (übrigens lassen sich an der Anzahl der Mädchen, die um den Tisch herum tanzen, leicht die Kontostände der Sitzenden ablesen: je mehr Zehnen mit dem Hinter wackeln, desto mehr Nullen zeigt die Rechnung). In diesem Erlebnisparadies für Erwachsene gibt es alles, was man sich wünscht: Eine größere Tanzfläche für etwa 3000 Leute, eine kleinere für 1000, mehrere Chill Out-Areas, einen keinen Pool und viele, viele überkandidelte Frauen, die in albernen Posen vor den Partyfotografen posieren. Elena und ich teilen uns ein Tamburin: zwei Stockwerke süße Schnäpse, die in einer Handtrommel serviert werden. Wir warten darauf, dass einer der wild wedelnden Partyhasen endlich das Gleichgewicht verliert und in den Pool fällt. Das Klima zwischen den Feiernden ist sehr angenehm. Das bedeutet: nachdem mir Elena eine schmerzliche Lektion in Sachen Prostituierte im Club erteilt, knutsche ich mitten auf der Tanzfläche mit einer blondierten Netzhemdträgerin herum. Ihr neon-gelber BH hätte mich stutzig machen müssen – die Pupillen ihrer phosphoreszierenden Augen sind unnatürlich geweitet und sie faselt Dinge, wie:
„My mouth feels like chewing gum! This is so wow!“
Ich bitte um Entschuldigung und verzichte auf eine schlaflose Nacht mit Fräulein Ecstasy-Überdosis, um Elena zu suchen.
Mich befällt Lustlosigkeit. Ein Wochenende in Moskau ist der Himmel. Ein Leben in Moskau ist die Hölle. Zumindest, wenn man für sein Geld arbeiten muss. Dann finde ich Elena. Beim Grinsen bilden sich Grübchen unter ihren hohen Wangenknochen.
„Ich muss dir etwas zeigen“, sagt sie.
„Nichts lieber als das!“, antworte ich mit gespielter Euphorie.
Gipsy
Nachdem die Schläge an die Außenwände der Kabine und die lautstarken Flüche vor dem Vorhang immer eindringlicher geworden sind, entschließen sich Elena und ich, unser Liebesspiel im Hotel fortzusetzen. Wir richten unsere Kleidung und verlassen den Fotoautomaten. Kichernd, Arm in Arm, stolpern wir auf die Tanzfläche hinaus. Hinter uns drängeln sich ein paar Typen in den engen Fotokasten, nur um festzustellen, dass er defekt ist. Elena küsst mich noch einmal und raunt: „na, hast du eine Russin für eine Nacht gefunden?“, hinter meiner Stirn verfliegt der Dekadenz-Kater. Moskau ist ein Paradies. Wir schmelzen durch die Meute Feiernder hindurch und kehren dem Jahrmarkt der Eitelkeiten den Rücken. Zum Abschied winke ich noch den verdrogten Amazonen, die inzwischen im Pool plantschen – sie erwidern den Gruß nicht.
Morgens richten Elena und ich notdürftig das Kopfteil meines Bettes wieder her, das sie in der Nacht abgerissen hat. Sie verabschiedet mich nur mit einem Höschen bekleidet an der Tür. Bevor ich ein letztes Mal den Duft ihrer Mähne einsauge, flüstere ich: „Versprich mir, dass du nie zu so einem Soho Rooms-Prinzesschen wirst!“
Elena lacht auf.
„Keine Sorge. Meine Mutter hat reich geheiratet“.

Ach, ja. Die Geschichte mit der Digitalkamera.
Die Empfangsdame rief mir ein –offizielles– Taxi, das mich zum Flughafen bringen sollte. Schon, als der Fahrer meinen Koffer einlud, merkte ich, dass ich mein gesamtes Bargeld in Schnaps umgesetzt hatte. Ich hielt ihm mit fragendem Blick eine Kreditkarte entgegen. Er schüttelte den Kopf und lachte. Weil die Zeit drängte und ich mir nicht mehr anders zu helfen wusste, zog ich meine kleine Digitalkamera aus der Tasche, reichte sie dem Fahrer, dessen Züge sich verdunkelten und hoffte, er würde sich mit der Knipse als Bezahlung zufrieden geben. Das tat er schließlich auch. Jedoch nicht, ohne mir einen Vogel zu zeigen.

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