Liebesnächte in Moskau – Übersatz

Drei Magazin-Seiten sind nicht viel, um den Moskauer Moloch lebendig zu beschreiben. Deswegen gibt es morgen an dieser Stelle den Übersatz, den ich nicht mehr ins Layout hineinpressen konnte.
“Liebesnächte in Moskau” im Director´s Cut, sozusagen.
Aus einem 25.00 Zeichen- wurde ein 10.000-Zeichen-Text. Dann wieder ein 14.000er. Übrig bleiben eine Masse Deleted Scenes, die mal aus Platz- mal aus Pietätsgründen gestrichen wurden.Liebesnächte in Moskau

Nach kurzer Suche finde ich sie auf der Tanzfläche wieder – ihre wilden Locken und die Wespentaille stechen selbst zwischen Heerscharen tanzender Schönheiten ins Auge. Sie fährt sich durch die Mähne und schmiegt sich an mich. Doch als sich unsere Lippen fast berühren, fährt eine Hand zwischen uns, und ich werde von Elena, meiner Reiseführerin, weggerissen. „Was ist los?“, beschwere ich mich. „Sebastian, sie ist eine Nutte“, zischt Elena. „Aber Elena, bitte! Für eine Nutte ist sie viel zu jung!“ Wir blicken zu meiner Auserwählten rüber, die mich fixiert und lustvoll am Strohhalm ihres Cocktails lutscht. „Okay“, sage ich, „vielleicht ist sie eine. Aber eine sehr hübsche!“
Doch ich greife vorweg. Zum Anfang:

MoskauVom Balkon meines Hotels aus wirken die illuminierten Glasfassaden des Moskauer Finanzdistriktes wie Monumente für die Wirtschaftsmacht der Russischen Föderation; die Bürotürme ragen aus dem schmutzigen Chaos der Stadt wie Leuchttürme aus einer Schlammpfütze. Abrissreife Häuser, Ruinen, Baufälliges, hie und da blitzt das goldene Dach einer restaurierten Kirche oder eines Luxus-Hotels hervor. Auf der Anrichte, neben dem Fernseher, der schmalzige Popwaisen in den Raum flimmert, liegen mein Reisepass mit dem Visum (ein paar Euros helfen bei der zügigen Abwicklung des sonst recht langwierigen Antrags), Condome und der zerknitterte Ausdruck einer Email. „Elena wird dir alles zeigen“, schreibt ein Freund darin. Außer ihrer Handynummer weiß ich nichts über meinen Clubguide.
Es klopft an meiner Tür: Meine Reiseführerin holt mich ab.
Ich öffne und erstarre: Eine rotblonde Mähne fällt auf schmale Schultern. Riesige blaue Augen mustern mich kühl. Der Stoff des blau-weiß gestreiften Kleides scheint sehr teuer zu sein – er reichte nur aus, um das Nötigste am straffen Körper zu bedecken. Schmolllippen formen die Worte: „Hi, ich bin Elena. Die anderen warten schon“

Elenas Freunde empfangen mich mit beschämender Freundlichkeit in ihrer Wohnung. Noch bevor wir das geräumige Wohnzimmer durchqueren und unsere Plätze im Esszimmer eingenommen haben, hat jeder in der Runde bereits zwei Whiskey auf Eis an der Theke, dem Zentrum des Eingangsbereichs, getrunken. Außer einer Handvoll kubistischer Möbel ist die 200 Quadratmeter-Wohnung schmucklos: an deckenhohen Panoramafenstern lassen sich nun mal schlecht Bilder aufhängen. Zum Essen schütten wir Unmengen Wodka in uns hinein.
Dazu geht eine Pfeife mit schwachem Gras herum und obwohl sich meinen Gastgebern die Zunge lockert, bleiben sie geistesgegenwärtig und quittieren meine Fragen knapp.
Fragen über Politik: Achselzucken.Moskau
Fragen über Putin: Achselzucken.
Fragen über Zensur: Gelächter.
„Du kannst schreiben, was du willst – solange du mit den Konsequenzen klarkommst“, wirft M, die Freundin des Gastgebers, zynisch ein.
In Russland sind alle zufrieden. Keine kennt Sorgen . Außer vielleicht die Stippvisiten der Drogen-Einheit; wer nicht gerade am versprengten Reichtum der oberen tausend Bürger Moskaus partizipiert und Kontakte zur High Society unterhält, sollte besser nicht mit verbotenen Substanzen im Blut erwischt werden. Der Bakschisch sei kaum zu bezahlen. Ich betrachte die Glaspfeife in meiner Hand und sage: „Hm.“
Elena beteiligt sich nicht am Gespräch. Sie hat sich auf eine Couch drapiert, legt den Kopf in den Nacken und lässt gelangweilt Rauch gen Decke fließen. Jedes Mal, wenn ich brav mein Glas erhebe „Nastarowje“ murmele, kräuselt sie verständnislos die Nase. Dann klärt sie mich über die Gepflogenheiten auf:
„Nastarowje sagt hier niemand… außer ausländische Geschäftsleute, die sich wichtigmachen wollen“. Dann wendet sie sich wieder ihrer Zigarette zu.
„Welche drei russischen Sätze brauche ich, um bei einer Moskauerin zu landen?“, frage ich, um meinen Fauxpas zu überspielen.
„All you need to know is: Wodka. Bill. Hotel“, antwortet Mila lachend.
Elena rollt die Augen.
K, der Besitzer der Wohnung ist stark angetrunken, hoffnungslos bekifft und seine Augen haben sich zu Schlitzen verengt. Plötzlich erhebt er sich aus seinem Stuhl, schenkt mir ein Glas Wodka ein und bellt deutsche Satzfetzen – alle lachen, außer mir.
„Sebastian, das kennst du nicht? Das ist doch aus Mein Kampf“. Ich verschlucke mich und huste Schnaps auf mein Hemd.
Elena erhebt sich aus ihrer Liegeposition und flüstert:
„Komm, wir gehen jetzt besser“

Fortsetzung. Morgen.

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