Partykoller Hamburg

Es ist ein paar Jährchen her, da veröffentlichten wir auf der Seite eines Hochschulmagazins einen kleinen Erfahrungsbericht, der große Wirkung zeigte: wir wurden von Veranstaltungen ausgeladen, uns wurde mit Unterlassunsklagen gedroht, unsere Facebook-Freunde rutschten von der Gäste- auf die Schwarze Liste der Partybetreiber. Da unsere ehemaligen Kollege den artikel leider von der Seite nahmen, grub ich ihn wieder aus. Kennt ihr den noch?

Pop 66
Nach einer Stunde in der Schlange kippt meine Stimmung.

Ganz Hamburg fiebert auf diese Partys hin. Elftklässlerinnen, weil sie hoffen, dort Abiturienten aufzureißen. Abiturienten, weil sie hoffen, dort Studentinnen aufzureißen. Studentinnen, weil sie hoffen, alte, wohlhabende Partyhengste aufzureißen. Und alte Partyhengste, weil sie hoffen, bei den Elftklässlerinnen zum Schuss zu kommen. Alles, was ich heut Abend aufreiße, ist meine Klappe. Ganz weit.

Nicht ohne meine Casio. „Meinst du, wir müssen wieder behaupten, wir seien ein Pärchen, um reinzukommen?“, frage ich Felix und kneife ihn in den Nacken.

Nein, müssen wir nicht, denke ich. Wir haben ja unsere Alibi-Mädchen dabei, die unser Schlüssel sind. Begleiten sie uns nur aus diesem Grund? Vermutlich. Denn ich habe gerade mal drei Sätze mit ihnen gesprochen.

Mein Rausch verfliegt, ich bin fast nüchtern. Bleibt zu hoffen, dass mir drinnen irgendein K..O-Tropfen-Vergewaltiger irrtümlich etwas ins Glas mischt. Aber erstmal reinkommen.

Pop, Pop. Schon in der Schlange gockelt man gern. Sämtliche Hamburger Agenturen, ihre Models und all ihre Karteileichen sind vertreten. Wandelnde Tote, die auf Erlösung durch eine Entdeckung hoffen. Selbst ich bin da, obwohl ich jobmäßig eher ein entzündeter Blinddarm als hot shit bin.

„Hey, na, alles schick?“, grüße ich Julia? Sonja? Mia?

Es blitzt. Die Schlange scheint schon interessant genug zu sein, um davon Fotos machen zu müssen.

Viele Jungs tragen weit ausgeschnittene T-Shirts. Viele tragen karierte Hemden, die sie in die Hose, viele Hosen, die sie in die Stiefel gesteckt haben. Ich schaue an mir herunter. Gratulation, wenigstens stecke ich auch in der landeigenen American-Urban-Uniform, mit passendem Hoheitsabzeichen: Einer schwarzen Oliver Peoples. Diese Brillen sind ein Absatz für sich;

Morgens Bruce Wayne, abends Clark Kent.meine besitzt eine Stärke von etwa -5 Dioptrie, mit Hornhautverkrümmung. In Sachen Blindheit macht mir niemand was vor. Ungeachtet der Tatsache, dass ich diese Brille brauche und seltsamerweise genau von dieser Marke, finde ich, dass jeder, der damit herumläuft ( besonders nachts) wirkt, als wolle er etwas verbergen. Sag´s niemandem weiter: Tagsüber bin ich Bruce Wayne. Aber abends, da bin ich Clark Kent!

Mit jedem nicht getanen Schritt werde ich aggressiver und müder.

Jede wasserstoffblond gefärbte Truppe, die sich auf Gürtelniveau unter mir vorbeischiebt — und auch noch hineingelassen wird — macht mich inaktiver. Ich stehe wirklich nur noch so da — und schaue um mich.

Apropos Gürtellinie: „Ha, heute hat sie sich aber mal richtig Mühe gegeben!“, spöttelt neben mir eine kleine, energische Brünette über das Outfit einer anderen kleinen, energischen Brünetten. Diese schafft es fast, die Sticheleien zu überhören. Statt etwas zu entgegnen, fummelt sie an ihrem Dutt herum.

„Nä-nä-nännä“, spöttele ich in weinerlichem Tonfall.

„Was´ n mit dem los?“, kichert noch spöttelnder eine Undercuttolle. Zum Glück hab ich mir damals diesen HJ-Haarschnitt verkniffen. Dann lieber den gegelten Werber-Helm mit Scheitel und Bart. Man wirkt damit so, so viril.

Es fahren Taxen auf. Drei Jungs steigen aus, schreiten demonstrativ die Schlange ab.

„Die lassen wirklich schon jeden rein, oder?“, gackert der eine.

Gock, gock gockelt der andere.

Und wer seid ihr?, frage ich mich im Stillen.

Leichtmatrosen auf Krachtschem Faserlandgang.

Die Kopie einer Kopie eines Klischees. Und trotzdem sind sie drin. Und ich nicht.

Ich krame nach einer Zigarette, finde keine und verkneife mir, eine zu schnorren. Keine Schwäche zeigen. Nein, ich bin unabhängig. Ich komme ohne andere aus. Ich bin ganz zufällig hier und will eigentlich noch zu einer anderen Party.

„Hey, na, alles schick?“, grüße ich Kathrin? Karin? Katherine? Keine Ahnung.

Woher ich sie kennen könnte? Keine Ahnung. Wahrscheinlich von hier.

Synthetisches Klicken, bläuliches Blitzen. Wieder direkt neben meinem Kopf.

Da diskutieren sie über Streetview, darüber, dass man Bilder ihres Hauses im Netz findet. Bilder einer Hausfassade. Dabei halten sie ihre eigene in jede noch so schmierige Linse. Glück für mich.

“Fast wie ne Lomo. Nur halt nicht von Lomo.”Auftritt Schönheit. Schönheit stöckelt an Wartenden vorbei. Schönheit stöckelt zurück. Fleischbeschau. Auf das zehnte ergebnislose Testshooting wartender Brillenträger versucht, Blick der Schönheit zu fangen. Schönheit bleibt neben Brillenträger stehen. Nur der Viehzaun trennt uns. Ich spreche sie lieber nicht an. Sie scheint gerade sehr damit beschäftigt zu sein, genervt suchend auszusehen, immer wieder auf ihr Handy schauend, sich in Halbkreisen darbietend. Sie schaut mich nur ein Mal an, den Blick wieder verächtlich abwendend. Als ob man hier wäre, um jemanden kennenzulernen! Oder Spaß zu haben! Was wohl dieser Spacko denkt!

Dann nicht, denkt er. Weil ich nicht weglaufen, mich hinter einem Vollrausch verstecken oder im Boden versinken kann, ziehe ich das letzte Register: Ich nehme meine Brille ab.

Viel besser.

Um mich herum nur noch verschwommene Umrisse.

Betrunken werden, nüchtern schniefen, ein Kreislauf. „Hey, alles schick?“, grüße ich Christoph? Christopher? Seinen Namen müsste ich wirklich wissen — von ihm lässt sich bestimmt später noch etwas organisieren.

Die Schlange hat sich um uns herum bewegt. Wir stehen dort, wo wir schon vor einer Stunde standen. Vor uns wuseln noch mehr hübsche oder hübsch zurechtgemachte Eichhörnchenmädchen durch die Gesichtkontrolle. Sie sammelten den ganzen Winter über Vintage-Accessoires, jetzt dürfen sie sie mit dem kleinen Schwarzen kombinieren und ausführen und damit herumwuseln. Wieder ein Fiepen und Drängeln neben mir. Eine weißblonde Androgyne. Ich erkenne den Duft. Maison Martin Margiela. Den habe ich auch drauf.

„Na, hast du Spaß?“, fragt Felix aufmunternd, als er mein Seufzen hört.Mauerpark-Vintage. Nur aus Hamburg.

„Klar hass´ ich Spaß“ , erwidere ich. K.I.Z fassen präzise meine Empfindungen zusammen.

Mir bläst eine Jutebeutelträgerin Rauch ins Gesicht. Und ich merke, dass mein Rausch verflogen ist. Wozu der Beutel? Wozu, hier? Statt einer Handtasche? Lass mich raten, was drin ist: Club Mate. Kippen. Koks. Kondome. Hoffe ich.

Jutebeutel. Da hat man sich mal ganz locker dafür entschieden, heute mal den Nonchalanten Punk-Dandy raushängen zu lassen. Und nimmt den Jutebeutel, auf dem steht „My other Bag is Chanel“. Auf meinem soll irgendwann mal stehen: Eigentlich komm´ ich aus Berlin. Wieder beißt sich die Schlange in den Schwanz, wieder karikiert man Karikaturen.

Mehr Klicker-Klacker. Ich schaue wieder an mir herunter. Scheiße. So macht das keinen Spaß. Ein Redefluss nimmt nur Tempo auf, wenn er von oben herabkommt. Ich bin auf demselben Level. Drunter. Und ich bin befangen. Und mitten drin dazu. Mein Kopf wird schwer. Meine Ideen kürzer. Kurz.

Alle gucken, keiner lacht. Jeder saugt sich die Wangen an die Backenzähne, guckt böse, während er oder sie die Lippen schürzt.

„Felix“, ich stoße ihn mit der Faust an, öffne sie und gebe ihm die Hand,

„Hab noch Spaß, ich verpiss mich.“

Felix antwortet mit einem verständnislosen Blick. Dann sagt er:

„Was ist denn los? Wir machen das einfach so: Wenn wir in 20 Minuten nicht drin sind, gehen wir woanders hin.“

Ich schüttele den Kopf.

Zum Schlafengehen.„Nein Mann. Ich will endlich gehen! Ich trink noch n Bier und leg mich pennen.“

Felix zuckt die Achseln.

„Gut, dann werd ich wohl auch nicht mehr lange machen.“

„Ich ruf dich morgen an!“

So lasse ich Felix mit den Mädels, und mich mit dem Gedanken allein, dass ich sicherlich etwas verpassen werde.

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