Thank You For Your Attention

Sie wird nicht müde. Wenn es ein weibliches Pendant zum Filou gibt, ist sie es. Immer beugt sie sich zu mir herüber, setzt einen koketten Ausdruck auf und deutet an, mir etwas ins Ohr flüstern zu wollen. Neige ich meinen Kopf, dreht sie sich weg und lacht. Selbst in meinem Zustand – wir taumeln seit Stunden zu Techno auf einer Tanzfläche des Sisyhphos, es ist etwa … mittags – selbst in meinem desolaten Zustand nervt sie mich. Würde sie nicht zu H. gehören, der mit ihrer besten Freundin anbändelt, wäre ich längst gegangen… zumindest an die Bar, oder in einen anderen Raum. H. hatte mich gebeten, sie zu beschäftigen, mich um sie zu kümmern, damit sie nicht dazwischenfunkte, wenn er mit ihrer Freundin herumknutschte. Katalysator spielen. Altruitscher Wingman für H. Ich flüchte. Verlasse die Dunkelheit und lehne mich in den Schatten eines Autowracks, in dem Koboldmakis ihre Synapsen mit Pulver verkleistern. Kurz überlege ich, ob ich einsteigen und einen Roadtrip nach Kolumbien untrnehmen soll, doch schon steht sie wieder neben mir.
“You look bored”, sie legt ihren Kopf schief.
Am liebsten würde ich ihr gestehen, dass ich mich langweile, doch weil ich ein höflicher Idiot bin, antworte ich:
“I´m tired”
Sie öffnet ihre Tasche und zieht eine Fiole hervor.
“Coke?”
“No, thanks”, am liebsten würde ich hinzufügen, dass ich nichts von ihr annehme, da ich ihr nichts schuldig sein will. Doch weil ich ein höflicher Idiot bin, füge ich an:
“I´m going home now”.
Sie schiebt ihre Unterlippe vor und senkt ihr Kinn. Kindlicher Schmollblick. Das letzte Mittel der Durchtriebenen. Ich könnte ihr jetzt ins Gesicht springen.
Weil sie einen Freund hat, fängt sie nichts mit mir an. Weil ihr Freund nicht da ist, holt sie sich von mir Bestätigung. Weil sie prüder ist, als sie durch ihr Feiermädchen-Outfit vorgibt zu sein, führt unser Gehampel zu nichts. Und mir wird klar, wo der Unterschied zwischen einem männlichen und einem weiblichen Filou liegt: der männliche Filou nennt es Erfolg, wenn er morgens in einem fremden Bett aufwacht. Der weibliche, wenn er gefeiert wird, ohne dass er neben einem Fremden aufwacht.
Ich huste und biete ihr die verachtendste Geste, die ich in meinem Reportoire habe: ich strecke ihr meine Hand entgegen und sage “It was pleasure to meet you”.
Entgeistert stiert sie, reicht mir dann ihre Karte und erwidert:
“We´ll stay in contact!”
Während ich mir meinen Weg aus dem Club bahne, wähle ich K.s Nummer. Auf sie kann ich mich verlassen. Sie ist ein Mischwesen: eine Frau mit Kumpel-Attitüde. Spaß habe ich mir nach dieser Pflichtfeier verdient.

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