Janni Hönscheid

Habe selten so ein angenehmes und lustiges Interview geführt:
Unser aktueller Titelstar Janni Hönscheid ist nicht nur eine begnadete Surferin und Augenweide, sondern auch wahnsinnig sympathisch.
Statt mit ihrem Einser-Abitur ein Studium zu beginnen, entschloss sie sich lieber, auf Reisen zu gehen.
“Die Vorstellung in eine Stadt zu ziehen, weit weg vom Meer…das war einfach nichts für mich”

Das volle Interview gibt es ab dem 10. Juli am Kiosk und bald auch hier…

Gekreuzte Finger (Oberbaumbrücke)

Du lockst dich selbst aus der Tür, indem du dir versprichst, nur kurz den Sonnenuntergang auf der Oberbaum anzusehen. Natürlich: die Sonne ist schnell in der Spree verglüht. Kein großes Spektakel. Und du stehst auch während dieser paar Minuten wie auf Kohlen. Denn als du deine Kopfhörer in die Ohren gesteckt hast, rutschte dir ein Viervierteltakt in die Playlist.
Als du deinen Kopf das nächte Mal hebst, schwanken bereits Körper um dich herum, Lichter flackern.
Und du versprichst dir, nur kurz zu bleiben.
Jemand lächelt
,

München-Berlin II

Städtevergleiche sind furchtbar. Jeder macht sich wichtig, der Lokalpatriotismus kocht über, meistens bei denen, die zugezogen sind. Trotzdem kann ich sie mir nicht verkneifen. Abends zeigen Städte ihr wahres Wesen.

München (BobBeaman):
Eine Blondine lächelt herüber, bespricht sich mit ihren Freundinnen und bahnt sich ihren Weg zu mir, auf die Tanzfläche. Sie scheint freudig erregt. Ich bin überrascht: In diesem Laden wurde ich noch nie von einer Frau angesprochen. Jeder wackelt ein bisschen herum und versucht, den anderen nicht auf die Füße zu treten.
Als sie bei mir angekommen ist, legt sie mir ihre Hand auf die Schulter und raunt mir, so süßlich, wie es eben geht, ins Ohr:
“Hey Dario! Lange nicht gesehen! Sag mal, wir wollten morgen ins Drella – kannst du uns auf die Liste setzen?”
Bevor ich sage, dass ich für einen Drink alles tue, lache ich laut.
Sie blickt irritiert, dreht sich um, kehrt zu ihren Mädels zurück und regt sich fürchterlich auf.

Berlin (Wilde Renate):
Eine Blondine lächelt herüber, bespricht sich mit ihren Freundinnen und bahnt sich ihren Weg zu mir, auf die Tanzfläche. Sie scheint freudig erregt. Ich weiß schon, worum es geht, warte jedoch nur noch ab, auf welcher Sprache ich eine Antwort hervorpressen kann:
“Hi, how you´re doin´?”, sagt sie und funkelt mich erwartungsvoll an. Schwedin? Norwegerin?
“Hi, I´m fine. How are you?”
“Would you sell me a bit of your MD?”
Bevor ich lache, sage ich ihr, dass ich leider keines habe und immer so dämlich grinse und herumzapple. Das liege an meinem ADHS.
Sie ist enttäuscht. Sie ist die dritte, die mich heute anspricht.
Plötzlich steht mein Cousin neben mir. Niedergeschlagen streicht er sich eine Strähne aus dem Gesicht.
“Ich gehe nachause”, murmelt er.
“Wieso denn das?”, frage ich.
“Eben hat mich eine gefragt: ´Entschuldigung, haben Sie MDMA oder Speed dabei?`. Sehe ich wirklich so alt aus? Ich geh jetzt, verbringe den Sonntg lieber mit meiner Freundin.”
Ich lache. Und die nächste rempelt mich an.

Partykoller Hamburg

Es ist ein paar Jährchen her, da veröffentlichten wir auf der Seite eines Hochschulmagazins einen kleinen Erfahrungsbericht, der große Wirkung zeigte: wir wurden von Veranstaltungen ausgeladen, uns wurde mit Unterlassunsklagen gedroht, unsere Facebook-Freunde rutschten von der Gäste- auf die Schwarze Liste der Partybetreiber. Da unsere ehemaligen Kollege den artikel leider von der Seite nahmen, grub ich ihn wieder aus. Kennt ihr den noch?

Pop 66
Nach einer Stunde in der Schlange kippt meine Stimmung.

Ganz Hamburg fiebert auf diese Partys hin. Elftklässlerinnen, weil sie hoffen, dort Abiturienten aufzureißen. Abiturienten, weil sie hoffen, dort Studentinnen aufzureißen. Studentinnen, weil sie hoffen, alte, wohlhabende Partyhengste aufzureißen. Und alte Partyhengste, weil sie hoffen, bei den Elftklässlerinnen zum Schuss zu kommen. Alles, was ich heut Abend aufreiße, ist meine Klappe. Ganz weit.

Nicht ohne meine Casio. „Meinst du, wir müssen wieder behaupten, wir seien ein Pärchen, um reinzukommen?“, frage ich Felix und kneife ihn in den Nacken.

Nein, müssen wir nicht, denke ich. Wir haben ja unsere Alibi-Mädchen dabei, die unser Schlüssel sind. Begleiten sie uns nur aus diesem Grund? Vermutlich. Denn ich habe gerade mal drei Sätze mit ihnen gesprochen.

Mein Rausch verfliegt, ich bin fast nüchtern. Bleibt zu hoffen, dass mir drinnen irgendein K..O-Tropfen-Vergewaltiger irrtümlich etwas ins Glas mischt. Aber erstmal reinkommen.

Pop, Pop. Schon in der Schlange gockelt man gern. Sämtliche Hamburger Agenturen, ihre Models und all ihre Karteileichen sind vertreten. Wandelnde Tote, die auf Erlösung durch eine Entdeckung hoffen. Selbst ich bin da, obwohl ich jobmäßig eher ein entzündeter Blinddarm als hot shit bin.

„Hey, na, alles schick?“, grüße ich Julia? Sonja? Mia?

Es blitzt. Die Schlange scheint schon interessant genug zu sein, um davon Fotos machen zu müssen.

Viele Jungs tragen weit ausgeschnittene T-Shirts. Viele tragen karierte Hemden, die sie in die Hose, viele Hosen, die sie in die Stiefel gesteckt haben. Ich schaue an mir herunter. Gratulation, wenigstens stecke ich auch in der landeigenen American-Urban-Uniform, mit passendem Hoheitsabzeichen: Einer schwarzen Oliver Peoples. Diese Brillen sind ein Absatz für sich;

Morgens Bruce Wayne, abends Clark Kent.meine besitzt eine Stärke von etwa -5 Dioptrie, mit Hornhautverkrümmung. In Sachen Blindheit macht mir niemand was vor. Ungeachtet der Tatsache, dass ich diese Brille brauche und seltsamerweise genau von dieser Marke, finde ich, dass jeder, der damit herumläuft ( besonders nachts) wirkt, als wolle er etwas verbergen. Sag´s niemandem weiter: Tagsüber bin ich Bruce Wayne. Aber abends, da bin ich Clark Kent!

Mit jedem nicht getanen Schritt werde ich aggressiver und müder.

Jede wasserstoffblond gefärbte Truppe, die sich auf Gürtelniveau unter mir vorbeischiebt — und auch noch hineingelassen wird — macht mich inaktiver. Ich stehe wirklich nur noch so da — und schaue um mich.

Apropos Gürtellinie: „Ha, heute hat sie sich aber mal richtig Mühe gegeben!“, spöttelt neben mir eine kleine, energische Brünette über das Outfit einer anderen kleinen, energischen Brünetten. Diese schafft es fast, die Sticheleien zu überhören. Statt etwas zu entgegnen, fummelt sie an ihrem Dutt herum.

„Nä-nä-nännä“, spöttele ich in weinerlichem Tonfall.

„Was´ n mit dem los?“, kichert noch spöttelnder eine Undercuttolle. Zum Glück hab ich mir damals diesen HJ-Haarschnitt verkniffen. Dann lieber den gegelten Werber-Helm mit Scheitel und Bart. Man wirkt damit so, so viril.

Es fahren Taxen auf. Drei Jungs steigen aus, schreiten demonstrativ die Schlange ab.

„Die lassen wirklich schon jeden rein, oder?“, gackert der eine.

Gock, gock gockelt der andere.

Und wer seid ihr?, frage ich mich im Stillen.

Leichtmatrosen auf Krachtschem Faserlandgang.

Die Kopie einer Kopie eines Klischees. Und trotzdem sind sie drin. Und ich nicht.

Ich krame nach einer Zigarette, finde keine und verkneife mir, eine zu schnorren. Keine Schwäche zeigen. Nein, ich bin unabhängig. Ich komme ohne andere aus. Ich bin ganz zufällig hier und will eigentlich noch zu einer anderen Party.

„Hey, na, alles schick?“, grüße ich Kathrin? Karin? Katherine? Keine Ahnung.

Woher ich sie kennen könnte? Keine Ahnung. Wahrscheinlich von hier.

Synthetisches Klicken, bläuliches Blitzen. Wieder direkt neben meinem Kopf.

Da diskutieren sie über Streetview, darüber, dass man Bilder ihres Hauses im Netz findet. Bilder einer Hausfassade. Dabei halten sie ihre eigene in jede noch so schmierige Linse. Glück für mich.

“Fast wie ne Lomo. Nur halt nicht von Lomo.”Auftritt Schönheit. Schönheit stöckelt an Wartenden vorbei. Schönheit stöckelt zurück. Fleischbeschau. Auf das zehnte ergebnislose Testshooting wartender Brillenträger versucht, Blick der Schönheit zu fangen. Schönheit bleibt neben Brillenträger stehen. Nur der Viehzaun trennt uns. Ich spreche sie lieber nicht an. Sie scheint gerade sehr damit beschäftigt zu sein, genervt suchend auszusehen, immer wieder auf ihr Handy schauend, sich in Halbkreisen darbietend. Sie schaut mich nur ein Mal an, den Blick wieder verächtlich abwendend. Als ob man hier wäre, um jemanden kennenzulernen! Oder Spaß zu haben! Was wohl dieser Spacko denkt!

Dann nicht, denkt er. Weil ich nicht weglaufen, mich hinter einem Vollrausch verstecken oder im Boden versinken kann, ziehe ich das letzte Register: Ich nehme meine Brille ab.

Viel besser.

Um mich herum nur noch verschwommene Umrisse.

Betrunken werden, nüchtern schniefen, ein Kreislauf. „Hey, alles schick?“, grüße ich Christoph? Christopher? Seinen Namen müsste ich wirklich wissen — von ihm lässt sich bestimmt später noch etwas organisieren.

Die Schlange hat sich um uns herum bewegt. Wir stehen dort, wo wir schon vor einer Stunde standen. Vor uns wuseln noch mehr hübsche oder hübsch zurechtgemachte Eichhörnchenmädchen durch die Gesichtkontrolle. Sie sammelten den ganzen Winter über Vintage-Accessoires, jetzt dürfen sie sie mit dem kleinen Schwarzen kombinieren und ausführen und damit herumwuseln. Wieder ein Fiepen und Drängeln neben mir. Eine weißblonde Androgyne. Ich erkenne den Duft. Maison Martin Margiela. Den habe ich auch drauf.

„Na, hast du Spaß?“, fragt Felix aufmunternd, als er mein Seufzen hört.Mauerpark-Vintage. Nur aus Hamburg.

„Klar hass´ ich Spaß“ , erwidere ich. K.I.Z fassen präzise meine Empfindungen zusammen.

Mir bläst eine Jutebeutelträgerin Rauch ins Gesicht. Und ich merke, dass mein Rausch verflogen ist. Wozu der Beutel? Wozu, hier? Statt einer Handtasche? Lass mich raten, was drin ist: Club Mate. Kippen. Koks. Kondome. Hoffe ich.

Jutebeutel. Da hat man sich mal ganz locker dafür entschieden, heute mal den Nonchalanten Punk-Dandy raushängen zu lassen. Und nimmt den Jutebeutel, auf dem steht „My other Bag is Chanel“. Auf meinem soll irgendwann mal stehen: Eigentlich komm´ ich aus Berlin. Wieder beißt sich die Schlange in den Schwanz, wieder karikiert man Karikaturen.

Mehr Klicker-Klacker. Ich schaue wieder an mir herunter. Scheiße. So macht das keinen Spaß. Ein Redefluss nimmt nur Tempo auf, wenn er von oben herabkommt. Ich bin auf demselben Level. Drunter. Und ich bin befangen. Und mitten drin dazu. Mein Kopf wird schwer. Meine Ideen kürzer. Kurz.

Alle gucken, keiner lacht. Jeder saugt sich die Wangen an die Backenzähne, guckt böse, während er oder sie die Lippen schürzt.

„Felix“, ich stoße ihn mit der Faust an, öffne sie und gebe ihm die Hand,

„Hab noch Spaß, ich verpiss mich.“

Felix antwortet mit einem verständnislosen Blick. Dann sagt er:

„Was ist denn los? Wir machen das einfach so: Wenn wir in 20 Minuten nicht drin sind, gehen wir woanders hin.“

Ich schüttele den Kopf.

Zum Schlafengehen.„Nein Mann. Ich will endlich gehen! Ich trink noch n Bier und leg mich pennen.“

Felix zuckt die Achseln.

„Gut, dann werd ich wohl auch nicht mehr lange machen.“

„Ich ruf dich morgen an!“

So lasse ich Felix mit den Mädels, und mich mit dem Gedanken allein, dass ich sicherlich etwas verpassen werde.

München-Berlin

Städte-Vergleiche sind grauenhaft und lösen nie enden wollende Debatten aus. Aber ich kann nicht anders:

Bestellung in München (089 Bar):
Barkeeper: “Macht zwölf Euro zusammen”
Ich: “Moment…Shit, ich hab nur noch elf dreißig”
Barkeeper: “Zwölf Euro zusammen”
Ich: “Komm, elf dreißig reichen doch. Ich bin ja öfter hier”
Barkeeper: “Zwölf Euro kosten die Drinks. Zwölf!”

Bestellung in Berlin (Klitsche auf der Simon-Dach)
Ich: “Zwei Wein, bitte”
Barkeeperin: “Drei Euro, bitte”
Ich: “Zwei Wein”
Barkeeperin: “Ja, drei Euro”
Ich: “Willst du mich heiraten?”
Barkeeperin: “Muss noch abschließen. Danach vielleicht”

Thank You For Your Attention

Sie wird nicht müde. Wenn es ein weibliches Pendant zum Filou gibt, ist sie es. Immer beugt sie sich zu mir herüber, setzt einen koketten Ausdruck auf und deutet an, mir etwas ins Ohr flüstern zu wollen. Neige ich meinen Kopf, dreht sie sich weg und lacht. Selbst in meinem Zustand – wir taumeln seit Stunden zu Techno auf einer Tanzfläche des Sisyhphos, es ist etwa … mittags – selbst in meinem desolaten Zustand nervt sie mich. Würde sie nicht zu H. gehören, der mit ihrer besten Freundin anbändelt, wäre ich längst gegangen… zumindest an die Bar, oder in einen anderen Raum. H. hatte mich gebeten, sie zu beschäftigen, mich um sie zu kümmern, damit sie nicht dazwischenfunkte, wenn er mit ihrer Freundin herumknutschte. Katalysator spielen. Altruitscher Wingman für H. Ich flüchte. Verlasse die Dunkelheit und lehne mich in den Schatten eines Autowracks, in dem Koboldmakis ihre Synapsen mit Pulver verkleistern. Kurz überlege ich, ob ich einsteigen und einen Roadtrip nach Kolumbien untrnehmen soll, doch schon steht sie wieder neben mir.
“You look bored”, sie legt ihren Kopf schief.
Am liebsten würde ich ihr gestehen, dass ich mich langweile, doch weil ich ein höflicher Idiot bin, antworte ich:
“I´m tired”
Sie öffnet ihre Tasche und zieht eine Fiole hervor.
“Coke?”
“No, thanks”, am liebsten würde ich hinzufügen, dass ich nichts von ihr annehme, da ich ihr nichts schuldig sein will. Doch weil ich ein höflicher Idiot bin, füge ich an:
“I´m going home now”.
Sie schiebt ihre Unterlippe vor und senkt ihr Kinn. Kindlicher Schmollblick. Das letzte Mittel der Durchtriebenen. Ich könnte ihr jetzt ins Gesicht springen.
Weil sie einen Freund hat, fängt sie nichts mit mir an. Weil ihr Freund nicht da ist, holt sie sich von mir Bestätigung. Weil sie prüder ist, als sie durch ihr Feiermädchen-Outfit vorgibt zu sein, führt unser Gehampel zu nichts. Und mir wird klar, wo der Unterschied zwischen einem männlichen und einem weiblichen Filou liegt: der männliche Filou nennt es Erfolg, wenn er morgens in einem fremden Bett aufwacht. Der weibliche, wenn er gefeiert wird, ohne dass er neben einem Fremden aufwacht.
Ich huste und biete ihr die verachtendste Geste, die ich in meinem Reportoire habe: ich strecke ihr meine Hand entgegen und sage “It was pleasure to meet you”.
Entgeistert stiert sie, reicht mir dann ihre Karte und erwidert:
“We´ll stay in contact!”
Während ich mir meinen Weg aus dem Club bahne, wähle ich K.s Nummer. Auf sie kann ich mich verlassen. Sie ist ein Mischwesen: eine Frau mit Kumpel-Attitüde. Spaß habe ich mir nach dieser Pflichtfeier verdient.

Einstand Berlin

“Hier”, sagt sie und steckt mir einen straußeneigroßen Klumpen Gras in die Tasche meiner Lederjacke.
“Das brauchst du, um schlafen zu können”.
Ich lache und ziehe ihn wieder heraus.
“Wie kommst darauf? Hier, nimm es zurück!”
Sie schiebt meine Hand weg.
“Steck es ein!”, insistiert sie.
Sonntagabend. Mein Einstand in Berlin. Nach langer Zeit nin ich endlich mal wieder hier. Und schon wird mir bewusst, dass ich dringend etwas gegen mein ADHS und meine offene Art tun muss; weniger reden, weniger Scherze machen, weniger auffallen. Oder falle ich genau deswegen zwischen den Druffies nicht auf? Ich habe keine Ahnung mehr, was ich sagen soll, bedanke mich bei meiner schwedischen Bekanntschaft für die Drogen und frage sie nach ihrer Telefonnummer.
Hinter ihren Augen lodert eine chemische Verbrennung. Meine Augen fallen mir von der weiten Reise und dem Umzugsstress zu.
“Ich melde mich bei dir, wenn ich wieder wach bin”, sage ich, küsse sie und schlurfe nachhause.
Herzlich Willkommen.

WM: Fußballer-Zitate

Mein Fußball-Sachverstand ist dürftig. Zugegeben. Ich könnte nicht erklären, was eine Falsche Neun von einem Falschen Fuffzijer unterscheidet. Deshalb freute ich mich zunächst wenig über den Arbeitsauftrag, alle Interviews, die jemals im Playboy mit Spielern, Trainern oder Managern geführt wurden, nach Zitaten für die WM-Ausgabe zu durchsuchen. Nach einigen Nacht- und Sonntagsschichten schlug die Hirnwäsche jedoch an: ich war geschockt, wie viel unterhaltsame Anekdoten mir durch meine Fußball-Verweigerung entgangen waren. Ob die mediengeschulten Stars heute auch noch so freidrehen, über Kneipenabende und Bettnäserei philosophieren, glaube ich nicht. Umso lustiger sind die Interviews aus vergangenen Zeiten. Die Perlen findet ihr auf unserer facebook-Seite. WM-Ausgabe

Diese Abende

Mein Magen schäumte die Reste 78-Stunden alter Red-Bull-Wodka-Mischungen auf. Auch, als ich neue in mich hineinschüttete, betäubten sie mich nicht genug, als dass ich ungehemmt hätte die Tanzfläche stürmen können. Eher fühlte ich mich danach, mich in einen der Getränkekühler auf dem Tisch der VIP-Lounge zu übergeben und mich am Strandabschnitt des K Urbanbeachclubs hinzulegen. P. zündete neben der Tanzfläche seine Schamhaare an, was einen widerwärtigen Gestank und schreienden Applaus unsererseits provozierte. B. knöpfte sein Hemd auf, öffnete seinen Gürtel und zog sich die Kapuze eines lilanen Morph-Suits über den Kopf, als sei er Batman, der in zivil gekommen war und sich nun bereitmachte, die Party zu retten. Gesichtslos besprang B. Leute. Franzosen wissen, wie man einen Junggesellenabschied feiert. Und zu gern hätte ich die gleiche Nummer wie gestern abgezogen, indem ich sturztrunken mit offener Hose und durchgeschwitztem Hemd Frauen über die Tanzfläche gescheucht hatte. Doch ich hatte den Fehler gemacht, mich in den ersten beiden Abenden in Lissabon leer zu trinken. Auf dem Höhepunkt meiner stumpf dreinstarrenden Alkohol-Depression kam N. Sie stellte sich neben mich. Ich musterte sie und war erstaunt: anders als die anderen aufgetakelten Mädels, die in den VIP-Bereichen auf Tischen tanzten, trug sie schlichte Jeans und ein weites Top. Ihr Haar war blond und recht kurz geschnitten, ihre Augen blau und nüchtern. Sie sagte “Hi” und stellte sich vor. Und eigentlich stand unserem Gespräch nichts im Weg – außer einer gröhlenden Horde von 16 sturztrunkenen französischen Männern und der Gedanke, dass ich einfach keine Lust mehr hatte. Keine Lust mehr auf Clubgespräche. Keine Lust mehr, irgendwo anders aufzuwachen. Keine Lust mehr, sich der Gefahr auszusetzen, meinen ätzenden Mageninhalt vor ihren Augen auf die Sitze eines Taxis oder ihre Laken zu entleeren. Keine Lust mehr auf Frauen, keine Lust mehr auf Sex und sicherlich keine Lust mehr auf Fernbeziehungen von München nach…
“Oh, and where are you from actually?”
“Have a guess!”, sagte sie grinsend.
Wieder musterte ich sie. In meinem Hinterkopf rappelte es. Er kannte diesen Blick. Wach, melancholisch, durchdringend – mein Hinterkopf reihte sinnlos Begriffe aneinander, um mir schließlich ein Land zuzuflüstern.
“You´re from Hungary”
Erstaunt ließ sie ihre Deckung sinken, Ihr Kiefer klappte kurz herunter, dann verschränkte sie die Arme vor der Brust.
“I´m from Budapest! How do you know?”, fragte sie skeptisch, “you heard me talking with my friends over there, didn´t you?”
Ich schüttelte den Kopf und lachte verschämt.
“How did you know?”
“Well…”, ich setzte an, stockte, weil ich mich nicht entscheiden konnte, ihr entweder zu erklären, dass ich das Shining besaß und ihr auch aus der Hand lesen könnte, was zu einem widerlichen Pick-up-Maschen-Schwachsinn ausarten würde. Oder ich sagte die Wahrheit über eine der Ungarinnen, die ich besser kennengelernt hatte. Zu gut. M. hatte meinen Herzen eine Narbe verpasst, die sich auch nicht mit Hunderten von Stichen flicken ließ. Oder…
“The most beautiful girls come from Hungary. They have this… certain kind of beauty”
Diplomatisch gelöst.
Sie war geschmeichelt.
“The most beautiful girls come from Stockholm! Most of the people think I´m Swedish”, hakte sie ein und lachte wieder.
“Yeah, true. Or from Russia. Or from Slovenia. Or from Ukraine. Or France, Germany or Italia. And Spain and Portugal…”
Wir lachten. Keine Ahnung, weshalb.
Aus dem Witzeln entspann sich ein Smalltalk. Aus dem Smalltalk eine Unterhaltung. Aus der UNterhaltung ein Streit über den Sinn von Lifestyle-Journalismus, in dme ich die Meinung vertrat, Menschen zu unterhalten und zum Lachen zu bringen, bzw. sie von ihrem Alltag abzulenken und träumen zu lassen, sei genauso wichtig, wie die Berichterstattung über die neue Steuergesetztgebung. Sie war anderer Meinung und sagte, wer schreiben wolle, solle ein Buch veröffentlichen und sich Autor, nicht Journalist nennen. Sie traf mich an einem wunden Punkt. Und ich mochte sie. Trotzdem war mir klar, dass dieser Abend für keinen von uns so enden würde, wie wir es uns vorgestellt hatten. Der Unterschied war: ich wusste, wann und wo er für mich enden würde: in genau zwei Minuten, über einer Kloschüssel. Und zu diesem Zeitpunkt dachte ich: du hast es so gewollt. Von allem zu viel.
So schnitt ich mir selbst das Wort ab, strich N. mit kalter, schwitziger Hand über ihre Schulter und sagte:
“It was nice talking to you. See you at Budapest some time”
Dann stürzte ich auf die Toilette und würgte Säure in die Schüssel.
Nachdem ich nach draußen getaumelt war und mir mit meinem Einstecktuch den Schweiß von der Stirn gewischt hatte, zog ich mein Telefon aus der Tasche. Ich tickerte eine Nachricht an mich selbst, an die ich mich erst erinnern konnte, als ich sie einen tag später am Flughafen las:
Von allem zu viel. Du weißt nichts mehr zu schätzen. Bis zum Erbrechen – und dann noch ein bisschen mehr