Liebesnächte in Moskau – Übersatz II

Elenas Freunde empfangen mich mit beschämender Freundlichkeit in ihrer Wohnung. Noch bevor wir das geräumige Wohnzimmer durchqueren und unsere Plätze im Esszimmer eingenommen haben, hat jeder in der Runde bereits zwei Whiskey auf Eis an der Theke, dem Zentrum des Eingangsbereichs, getrunken. Außer einer Handvoll kubistischer Möbel ist die 200 Quadratmeter-Wohnung schmucklos: an deckenhohen Panoramafenstern lassen sich nun mal schlecht Bilder aufhängen. Zum Essen schütten wir Unmengen Wodka in uns hinein.
Dazu geht eine Pfeife mit schwachem Gras herum und obwohl sich meinen Gastgebern die Zunge lockert, bleiben sie geistesgegenwärtig und quittieren meine Fragen knapp.
Fragen über Politik: Achselzucken.Liebesnächte in Moskau
Fragen über Putin: Achselzucken.
Fragen über Zensur: Gelächter.
„Du kannst schreiben, was du willst – solange du mit den Konsequenzen klarkommst“, wirft Mila, die Freundin des Gastgebers, zynisch ein.
Russen. Ein zufriedenes Volk, das keine Sorgen kennt. Außer vielleicht die Stippvisiten der Drogen-Einheit; wer nicht gerade am versprengten Reichtum der oberen tausend Bürger Moskaus partizipiert und Kontakte zur High Society unterhält, sollte besser nicht mit verbotenen Substanzen im Blut erwischt werden. Der Bakschisch sei kaum zu bezahlen. Ich betrachte die Glaspfeife in meiner Hand und sage: „Hm.“
Elena beteiligt sich nicht am Gespräch. Sie hat sich auf eine Couch drapiert, legt den Kopf in den Nacken und lässt gelangweilt Rauch gen Decke fließen. Jedes Mal, wenn ich brav mein Glas erhebe „Nastarowje“ murmele, kräuselt sie verständnislos die Nase. Dann klärt sie mich über die Gepflogenheiten auf:
„Nastarowje sagt hier niemand… außer ausländische Geschäftsleute, die sich wichtigmachen wollen“. Dann wendet sie sich wieder ihrer Zigarette zu.
„Welche drei russischen Sätze brauche ich, um bei einer Moskauerin zu landen?“, frage ich, um meinen Fauxpas zu überspielen.
„All you need to know is: Wodka. Bill. Hotel“, antwortet Mila lachend.
Elena rollt die Augen.
Liebesnächte in MoskauK, der Besitzer der Wohnung ist stark angetrunken, hoffnungslos bekifft und seine Augen haben sich zu Schlitzen verengt. Plötzlich erhebt er sich aus seinem Stuhl, schenkt mir ein Glas Wodka ein und bellt deutsche Satzfetzen – alle lachen, außer mir.
„Sebastian, das kennst du nicht? Das ist doch aus Mein Kampf“. Ich verschlucke mich und huste Schnaps auf mein Hemd.
Elena erhebt sich aus ihrer Liegeposition und flüstert:
„Komm, wir gehen jetzt besser“

Das Taxi spuckt uns nach kurzer Fahrt in eine wartende Menschentraube vor einem Club aus. Auf unserer Seite der roten Seidenkordel: Gedränge, flehende Gesten, wie bei einer Care-Paket-Verteilung. Auf der anderen Seite: eine Phalanx aus ungerührt dreinblickenden Türsteher-Schränken. Die Schweizer Gruppe junger Banker, die vor uns in der Schlange steht, wird nach einem plumpen Bestechungsversuch abgewiesen. Die Gorillas wählen die Gäste nach einer strengen Quote aus: sechzig Prozent brünette, gazellenschlanke, dreißig Prozent kleinere blonde, niedliche Models dürfen eintreten. Die restlichen zehn Prozent des Partyvolks setzen sich aus stinkreichen Stammgästen und Touristen zusammen. Dass mit den Sicherheitsbeauftragten nicht zu spaßen ist, erfahre ich später am Abend. Elena weiß jedoch mit ihnen umzugehen. Sie setzt zum ersten Mal ein strahlendes Lächeln auf, nimmt meine Hand und bezahlt unser beider Eintritt mit zwei gezielten Küsschen auf die Wangen des größten Securtiy-Gorillas.
„Es ist so einfach“, haucht sie mir verschmitzt zu. Die Kordel wird gehoben, wir treten ein, in die Soho Rooms.

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