Gekreuzte Finger (Oberbaumbrücke)

Du lockst dich selbst aus der Tür, indem du dir versprichst, nur kurz den Sonnenuntergang auf der Oberbaum anzusehen. Natürlich: die Sonne ist schnell in der Spree verglüht. Kein großes Spektakel. Und du stehst auch während dieser paar Minuten wie auf Kohlen. Denn als du deine Kopfhörer in die Ohren gesteckt hast, rutschte dir ein Viervierteltakt in die Playlist.
Als du deinen Kopf das nächte Mal hebst, schwanken bereits Körper um dich herum, Lichter flackern.
Und du versprichst dir, nur kurz zu bleiben.
Jemand lächelt
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München-Berlin II

Städtevergleiche sind furchtbar. Jeder macht sich wichtig, der Lokalpatriotismus kocht über, meistens bei denen, die zugezogen sind. Trotzdem kann ich sie mir nicht verkneifen. Abends zeigen Städte ihr wahres Wesen.

München (BobBeaman):
Eine Blondine lächelt herüber, bespricht sich mit ihren Freundinnen und bahnt sich ihren Weg zu mir, auf die Tanzfläche. Sie scheint freudig erregt. Ich bin überrascht: In diesem Laden wurde ich noch nie von einer Frau angesprochen. Jeder wackelt ein bisschen herum und versucht, den anderen nicht auf die Füße zu treten.
Als sie bei mir angekommen ist, legt sie mir ihre Hand auf die Schulter und raunt mir, so süßlich, wie es eben geht, ins Ohr:
“Hey Dario! Lange nicht gesehen! Sag mal, wir wollten morgen ins Drella – kannst du uns auf die Liste setzen?”
Bevor ich sage, dass ich für einen Drink alles tue, lache ich laut.
Sie blickt irritiert, dreht sich um, kehrt zu ihren Mädels zurück und regt sich fürchterlich auf.

Berlin (Wilde Renate):
Eine Blondine lächelt herüber, bespricht sich mit ihren Freundinnen und bahnt sich ihren Weg zu mir, auf die Tanzfläche. Sie scheint freudig erregt. Ich weiß schon, worum es geht, warte jedoch nur noch ab, auf welcher Sprache ich eine Antwort hervorpressen kann:
“Hi, how you´re doin´?”, sagt sie und funkelt mich erwartungsvoll an. Schwedin? Norwegerin?
“Hi, I´m fine. How are you?”
“Would you sell me a bit of your MD?”
Bevor ich lache, sage ich ihr, dass ich leider keines habe und immer so dämlich grinse und herumzapple. Das liege an meinem ADHS.
Sie ist enttäuscht. Sie ist die dritte, die mich heute anspricht.
Plötzlich steht mein Cousin neben mir. Niedergeschlagen streicht er sich eine Strähne aus dem Gesicht.
“Ich gehe nachause”, murmelt er.
“Wieso denn das?”, frage ich.
“Eben hat mich eine gefragt: ´Entschuldigung, haben Sie MDMA oder Speed dabei?`. Sehe ich wirklich so alt aus? Ich geh jetzt, verbringe den Sonntg lieber mit meiner Freundin.”
Ich lache. Und die nächste rempelt mich an.

Diese Abende

Mein Magen schäumte die Reste 78-Stunden alter Red-Bull-Wodka-Mischungen auf. Auch, als ich neue in mich hineinschüttete, betäubten sie mich nicht genug, als dass ich ungehemmt hätte die Tanzfläche stürmen können. Eher fühlte ich mich danach, mich in einen der Getränkekühler auf dem Tisch der VIP-Lounge zu übergeben und mich am Strandabschnitt des K Urbanbeachclubs hinzulegen. P. zündete neben der Tanzfläche seine Schamhaare an, was einen widerwärtigen Gestank und schreienden Applaus unsererseits provozierte. B. knöpfte sein Hemd auf, öffnete seinen Gürtel und zog sich die Kapuze eines lilanen Morph-Suits über den Kopf, als sei er Batman, der in zivil gekommen war und sich nun bereitmachte, die Party zu retten. Gesichtslos besprang B. Leute. Franzosen wissen, wie man einen Junggesellenabschied feiert. Und zu gern hätte ich die gleiche Nummer wie gestern abgezogen, indem ich sturztrunken mit offener Hose und durchgeschwitztem Hemd Frauen über die Tanzfläche gescheucht hatte. Doch ich hatte den Fehler gemacht, mich in den ersten beiden Abenden in Lissabon leer zu trinken. Auf dem Höhepunkt meiner stumpf dreinstarrenden Alkohol-Depression kam N. Sie stellte sich neben mich. Ich musterte sie und war erstaunt: anders als die anderen aufgetakelten Mädels, die in den VIP-Bereichen auf Tischen tanzten, trug sie schlichte Jeans und ein weites Top. Ihr Haar war blond und recht kurz geschnitten, ihre Augen blau und nüchtern. Sie sagte “Hi” und stellte sich vor. Und eigentlich stand unserem Gespräch nichts im Weg – außer einer gröhlenden Horde von 16 sturztrunkenen französischen Männern und der Gedanke, dass ich einfach keine Lust mehr hatte. Keine Lust mehr auf Clubgespräche. Keine Lust mehr, irgendwo anders aufzuwachen. Keine Lust mehr, sich der Gefahr auszusetzen, meinen ätzenden Mageninhalt vor ihren Augen auf die Sitze eines Taxis oder ihre Laken zu entleeren. Keine Lust mehr auf Frauen, keine Lust mehr auf Sex und sicherlich keine Lust mehr auf Fernbeziehungen von München nach…
“Oh, and where are you from actually?”
“Have a guess!”, sagte sie grinsend.
Wieder musterte ich sie. In meinem Hinterkopf rappelte es. Er kannte diesen Blick. Wach, melancholisch, durchdringend – mein Hinterkopf reihte sinnlos Begriffe aneinander, um mir schließlich ein Land zuzuflüstern.
“You´re from Hungary”
Erstaunt ließ sie ihre Deckung sinken, Ihr Kiefer klappte kurz herunter, dann verschränkte sie die Arme vor der Brust.
“I´m from Budapest! How do you know?”, fragte sie skeptisch, “you heard me talking with my friends over there, didn´t you?”
Ich schüttelte den Kopf und lachte verschämt.
“How did you know?”
“Well…”, ich setzte an, stockte, weil ich mich nicht entscheiden konnte, ihr entweder zu erklären, dass ich das Shining besaß und ihr auch aus der Hand lesen könnte, was zu einem widerlichen Pick-up-Maschen-Schwachsinn ausarten würde. Oder ich sagte die Wahrheit über eine der Ungarinnen, die ich besser kennengelernt hatte. Zu gut. M. hatte meinen Herzen eine Narbe verpasst, die sich auch nicht mit Hunderten von Stichen flicken ließ. Oder…
“The most beautiful girls come from Hungary. They have this… certain kind of beauty”
Diplomatisch gelöst.
Sie war geschmeichelt.
“The most beautiful girls come from Stockholm! Most of the people think I´m Swedish”, hakte sie ein und lachte wieder.
“Yeah, true. Or from Russia. Or from Slovenia. Or from Ukraine. Or France, Germany or Italia. And Spain and Portugal…”
Wir lachten. Keine Ahnung, weshalb.
Aus dem Witzeln entspann sich ein Smalltalk. Aus dem Smalltalk eine Unterhaltung. Aus der UNterhaltung ein Streit über den Sinn von Lifestyle-Journalismus, in dme ich die Meinung vertrat, Menschen zu unterhalten und zum Lachen zu bringen, bzw. sie von ihrem Alltag abzulenken und träumen zu lassen, sei genauso wichtig, wie die Berichterstattung über die neue Steuergesetztgebung. Sie war anderer Meinung und sagte, wer schreiben wolle, solle ein Buch veröffentlichen und sich Autor, nicht Journalist nennen. Sie traf mich an einem wunden Punkt. Und ich mochte sie. Trotzdem war mir klar, dass dieser Abend für keinen von uns so enden würde, wie wir es uns vorgestellt hatten. Der Unterschied war: ich wusste, wann und wo er für mich enden würde: in genau zwei Minuten, über einer Kloschüssel. Und zu diesem Zeitpunkt dachte ich: du hast es so gewollt. Von allem zu viel.
So schnitt ich mir selbst das Wort ab, strich N. mit kalter, schwitziger Hand über ihre Schulter und sagte:
“It was nice talking to you. See you at Budapest some time”
Dann stürzte ich auf die Toilette und würgte Säure in die Schüssel.
Nachdem ich nach draußen getaumelt war und mir mit meinem Einstecktuch den Schweiß von der Stirn gewischt hatte, zog ich mein Telefon aus der Tasche. Ich tickerte eine Nachricht an mich selbst, an die ich mich erst erinnern konnte, als ich sie einen tag später am Flughafen las:
Von allem zu viel. Du weißt nichts mehr zu schätzen. Bis zum Erbrechen – und dann noch ein bisschen mehr